Dienstag, 25. November 2025

Nichts für schwache Nerven – aber fürs Herz

 

Eine Partnerschaft mit Borderline ist ein bisschen wie ein Roadtrip in einem Cabrio durch eine atemberaubende Landschaft

Zwischen Rosen und roten Warnlampen
 
Borderline und Angsterkrankung – eine explosive Mischung (mit Funkenflug und Humorfeuerwerk)

Borderline und Angsterkrankung – das ist ungefähr so, als würde man ein Lagerfeuer und eine Gasflasche zusammen in ein Cabrio setzen und sagen:

„Fahr vorsichtig.“

Eine Partnerschaft mit Borderline ist ein bisschen wie ein Roadtrip in einem Cabrio durch eine atemberaubende Landschaft:
unglaublich intensiv, manchmal chaotisch, oft wunderschön – und gelegentlich fragt man sich, ob das Navi vielleicht absichtlich die dramatische Route gewählt hat.

Als Borderliner fühlt man nicht einfach.
Nein, man erlebt Gefühle wie eine Fahrt im Hochgeschwindigkeitszug mit kaputten Bremsen:
Manchmal rase ich durch Freude, manchmal durch Wut, manchmal durch beides gleichzeitig – und das bitte in Dolby Surround.

Drei Jahrzehnte – UND ER HAT IMMER NOCH ALLE HAARE

Nach drei Jahrzehnten Ehe weiß ich vor allem eines:
Mein Mann verdient eine Auszeichnung.
Mindestens einen Orden.
Oder einen eigenen Feiertag – „Tag des geduldigen Partners“.
Mit Kuchen, Applaus und einer Schweigeminute für seine Nerven.

Drei Jahrzehnte – das ist ungefähr so lang wie die Haltbarkeit eines guten Eichenholztisches.
Nur dass unser Alltag weniger stabil war und deutlich mehr Geräuschkulisse hatte.

Unsere Beziehung nennt man nicht einfach „Partnerschaft“.
Nein.
Das ist ein Ehe-Actionpark, ein Gefühls-Blockbuster und manchmal eine romantische Komödie mit Improvisation, in der ich die Hauptrolle spiele – inklusive spontaner Stimmungswechsel, dramatischer Monologe und Handgesten, die jedem Theaterintendanten Tränen in die Augen treiben würden.

Wenn aus Kleinigkeiten Endgegner werden

Während andere Paare darüber streiten, wer den Müll rausbringt, kämpfe ich innerlich manchmal mit einem kleinen Drachen, der schreit:

„ER HAT DIE BUTTER FALSCH ZUGEMACHT! DAS IST EIN ANGRIFF AUF MEINE SEELE!!“

Rationale Version von mir:
„Beruhigen. Ruhig bleiben. Du bist erwachsen.“

Emotionale Version:
„ATTACKE!“

Mein Mann steht daneben, schaut mich an und man sieht förmlich, wie in seinem imaginären Notizbuch steht:
„Neuer Eintrag: Butter ist heikel.“

Mit Borderline bekommt ein Partner nicht einfach mich.
Er bekommt ein All-Inclusive-Gefühls-Abo im Premiumtarif.

Wenn ich etwas nicht will, dann IST es Abwertung.

Aber manchmal beschließt mein Gehirn eben sehr professionell, eine interne Krisensitzung einzuberufen und Vorschläge einzureichen wie:

  • „Vielleicht einfach alles dramatisieren?“

  • „Option B: Sofort beleidigt sein. Passiv-aggressiv deluxe.“

Und ich sitze dann mitten im Gefühlsspektakel und denke:
„Es wäre SO viel leichter, nicht auszurasten.“
Aber meine Gefühle sind halt kleine Rabauken – mit Flammenwerfer.

Warum unsere Beziehung trotzdem funktioniert 

Borderline ist nicht ich.
Aber es ist ein Teil von mir – genau wie meine Lieblingsschokolade, meine Schlafposition und mein Talent, Dinge zehnmal intensiver zu spüren als andere.

Es ist stürmisch.
Es ist still.
Es ist übertrieben.
Aber es macht mich auch leidenschaftlich, loyal, empathisch und voller Herz.

Wir haben eine gemeinsame Überlebensstrategie entwickelt:
Teamgeist + Liebe + schwarzer Humor auf Profi-Level.

Wir haben nicht einfach Beziehung –
wir haben Comedy mit Liebe und gelegentlich Rauchentwicklung.

Er ist der Mann, der selbst dann einen Spruch reißt, wenn ich im „Ich-werfe-gleich-die-Fernbedienung“-Modus bin.
Und das Beste?
Es funktioniert.

Er hilft mir, wenn mein Kopf läuft wie eine Waschmaschine im Schleudergang.
Ich helfe ihm… nun ja… seine Geduld zu testen.
Ausgiebig.

Wir können über Dinge lachen, für die andere Paare zum Scheidungsanwalt rennen würden.

Und Außenstehende glauben oft genau das:
„Oje, die stehen kurz vor der Trennung.“

Nein.
Wir stehen kurz vor dem nächsten Lachflash.

Wir lachen über mich, wenn ich „ICH BIN NICHT WÜTEND!!!“ schreie – in einem Ton, der eindeutig anderes sagt.
Wir lachen über ihn, wenn er versucht, logisch zu argumentieren.

Logik!
Bei MIR!
Ich bitte dich.

Wir lachen über uns.
Über alles.

Unser Humor ist so schwarz, der trägt fast Kutte.

Unser Alltag, für andere ein Mysterium 

Die Leute drehen sich entsetzt um, während wir Tränen lachen.
Für Außenstehende wirkt es wie ein Ehekrieg.
Für uns ist es Dienstag.

Ein typisches Kommunikationsbeispiel:

Ich: „Wenn du noch EINMAL so atmest, vergrabe ich dich im Garten.“
Er: „Okay, aber bitte an der sonnigen Stelle – ich will einen schönen Ausblick.“
Wir: Lachen.
Umstehende: „WHAT. THE. HELL.“

Er schafft es, in kritischen Momenten immer noch einen Spruch zu machen:

Ich: innerlich Alarmglocken läutend
Er: „Beruhig dich, Schatz. Dein innerer Drache sabbert schon den Teppich voll.“

Ich kann aus einer Mücke ein Drama in drei Akten machen –
aber ich kann genauso schnell wieder lachen, wenn er mir nur die richtige Grimasse zeigt.

Unsere Gespräche klingen oft, als würden wir uns gegenseitig zerlegen –
aber eigentlich sagen wir damit:

„Ich liebe dich… du wunderschöne Katastrophe.“

Unsere Beziehung ist kein Rätsel – Sie ist ein Meisterwerk

Wir streiten nicht.
Wir kommunizieren nur… farbenfroh.
Mit Würze.
Mit Kanten.
Mit einer Prise Beleidigung.
Und mit einer Liebe, die stark genug ist, jeden Spruch zu überleben.

Kurz gesagt:

Wir zwei sind wie Feuer und Benzin.
Aber Humor ist unser Kleber.
Liebe ist unser Fundament.
Und Borderline?

Tja… das sorgt für Spezialeffekte, Baby.

Nach so vielen Jahren kann ich sagen:

Wir sind nicht normal.
Wir sind besser.
Witziger. Intensiver. Ehrlicher.
Und wir bleiben zusammen –
mit Humor…
Geduld…
und gelegentlichen Sicherheitsgurten.



Sonntag, 23. November 2025

Dickeres Fell, weicher Kern

 Wie ich gelernt habe, mich emotional nicht mehr so leicht verletzen zu lassen 

 

Wie ich gelernt habe, mich emotional nicht mehr so leicht verletzen zu lassen

  
1. Verstehen, was mich eigentlich getroffen hat

Lange Zeit dachte ich, andere Menschen hätten die Kontrolle über meine Gefühle. Wenn jemand etwas gesagt oder getan hat, das mir wehgetan hat, war für mich sofort klar: „Der oder die hat mich verletzt.“
Erst viel später habe ich gemerkt, dass die Reaktionen in mir oft viel älter waren als die Situation selbst.

Manches hat mich nur deshalb so stark berührt, weil es an etwas angeknüpft hat, das ich früher erlebt hatte – an alte Unsicherheiten, ungelöste Themen oder Überzeugungen über mich selbst. Es waren also nicht unbedingt die Menschen, die mich verletzt haben, sondern das, was die Situation in mir ausgelöst hat.

Diese Erkenntnis hat mir zum ersten Mal das Gefühl gegeben, wieder Kontrolle über mein inneres Erleben zu bekommen.

2. Die Verantwortung für meine Gefühle zurückholen

Ich musste lernen, mir ehrlich folgende Fragen zu stellen:

  • Warum macht mich das gerade so wütend oder traurig?

  • Was hat das mit mir zu tun?

  • Welche Erwartungen hatte ich an die andere Person?

Das war anfangs unangenehm, weil es viel einfacher ist, jemand anderem die Schuld zu geben.
Aber genau diese ehrliche Selbstreflexion hat mir geholfen, Situationen nicht mehr so persönlich zu nehmen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht jedes Verhalten anderer kontrollieren kann – aber meine Reaktion darauf schon.

Es ging nicht darum, mir „selbst die Schuld“ zu geben, sondern darum, zu verstehen, wie ich innerlich ticke.
Und das hat mich tatsächlich stärker gemacht.

3. Gefühle zulassen, ohne von ihnen überrollt zu werden

Früher habe ich versucht, unangenehme Gefühle wegzudrücken. Das hat sie aber nicht kleiner gemacht – eher größer.
Heute versuche ich, sie bewusst wahrzunehmen:

  • Was fühle ich gerade wirklich?

  • Weshalb tut das weh?

  • Was brauche ich jetzt?

Ich habe gelernt, Gefühle wie Wut, Unsicherheit oder Traurigkeit zu akzeptieren, ohne mich komplett davon vereinnahmen zu lassen.
Sie dürfen da sein, aber sie bestimmen nicht mehr, wie ich mich selbst sehe oder wie ich handle.

Das bedeutet nicht, dass mich nie wieder etwas trifft.
Aber es trifft mich anders – weniger tief, weniger lange. 

4. Nach meinen eigenen Werten handeln statt mich zu verbiegen

Ein großer Schritt war für mich, aufzuhören, mich ständig an anderen zu orientieren.
Lange habe ich versucht, es allen recht zu machen, aus Angst vor Ablehnung oder Konflikten. Am Ende war ich dabei, mich selbst zu verlieren.

Erst als ich angefangen habe, klarer zu sagen:

  • Was ich möchte

  • Was ich nicht möchte

  • Was ich akzeptiere und was nicht

…wurde ich innerlich stabiler.
Grenzen zu setzen fühlt sich am Anfang hart an, aber es schützt enorm.
Und je mehr ich bei mir bleibe, desto weniger beeinflusst mich, was andere sagen oder denken.

5. Schritt für Schritt emotional unabhängiger werden

Der Prozess ist nicht perfekt und auch nicht abgeschlossen.
Aber ich habe gelernt:

  • Ich muss nicht alles persönlich nehmen.

  • Ich darf fühlen, ohne mich davon beherrschen zu lassen.

  • Ich habe das Recht, Grenzen zu setzen.

  • Und ich darf meine Reaktionen hinterfragen, ohne mich dafür zu verurteilen.

Dadurch bin ich nicht unberührbar geworden – nur bewusster und stabiler.
Und das reicht oft schon, um Situationen nicht mehr so nah an mich heranzulassen.



Samstag, 22. November 2025

Was du aushältst, bleibt

 

Schweigen

Schweigen!

Du lässt vieles über dich ergehen – doch deine Psyche merkt sich jedes Detail.

Auch das, worüber du schweigst.
Wir reden uns oft ein, dass es „nicht so schlimm“ sei.
Dass wir stark genug sind, um es auszuhalten.
Dass Schweigen Frieden bedeutet.
Doch dein Körper glaubt dir nicht. Er kennt die Wahrheit lange bevor du sie aussprichst.

Während du versuchst, ruhig zu bleiben, spürt dein Nervensystem jede ungerechte Bemerkung, jede Grenze, die überschritten wird, jedes Gefühl, das du wegdrückst.

Die Wut beginnt leise. Ein Unbehagen in der Brust.
Dann wird sie stärker: Dein Nacken zieht sich zusammen. Dein Herz rast. Deine Hände zittern vielleicht nur ein bisschen – aber sie zittern.

Du spürst die Hitze im Gesicht, die Spannung im Kiefer.
Es brodelt in dir, während du nach außen so tust, als wäre alles in Ordnung.

Doch innerlich schreit etwas.
Ein Teil von dir, der gehört werden will.
Die Worte, die du nicht aussprichst, verschwinden nicht.
Sie setzen sich ab, zuerst in deinem Bauch, dann in deinen Gedanken, später vielleicht in deiner Gesundheit.

Jedes verschluckte Gefühl wird ein Stein, der schwerer wird, je länger du ihn trägst.
Du ballst die Fäuste unter dem Tisch, du kaust auf den Lippen, du schluckst die Wahrheit runter – und damit auch ein Stück von dir selbst.

Dein Körper wird zum Archiv für alles, was du nie gesagt hast.
Und nachts, wenn niemand zuhört und kein Lächeln Fassade sein muss, kommen die Sätze zurück.
Härter. Präziser. Schmerzlicher.

Dann wälzt du dich von Seite zu Seite, führst Gespräche im Kopf, die du nie geführt hast.
Und dein Herz pocht, obwohl längst Ruhe sein sollte.
Es sind nicht die anderen, die dich damit zerstören.
Es ist das Schweigen.
Die permanente Selbstverleugnung.

Das Gefühl, keinen Raum einnehmen zu dürfen.
Denn dein Körper reagiert auf emotionale Belastungen wie auf echten Schmerz.
Er schützt dich, warnt dich, zeigt dir Grenzen – selbst wenn du sie nicht aussprichst.
Er speichert alles, bis du bereit bist, es endlich zu fühlen, zu verstehen, auszusprechen.

Am Ende ist das Schweigen keine Stärke.
Es ist ein langsames Sich-selbst-Verlieren.


  • Du darfst reden.
  • Du darfst wütend sein.
  • Du darfst Grenzen setzen, auch wenn es unbequem ist.

Nicht, um laut oder unangenehm zu sein –
sondern um dich selbst zu schützen.
Um wieder atmen zu können.
Um nachts endlich friedlich zu schlafen.
Sprich aus, was in dir brennt, bevor es dich Stück für Stück auffrisst.
 
 
 

Freitag, 21. November 2025

Triggerwarnung: Meinung

Wenn Kritik und ich uns begegnen – eine Tragikomödie in drei Akten


Wenn Kritik und ich uns begegnen – eine Tragikomödie in drei Akten

– ein überdramatisches Duo, das keiner bestellt hat.

Ich weiß auch nicht, was Kritik gegen mich persönlich hat.
Ich sitze da, mache meine Projekte, fühle mich halbwegs kompetent, denke mir: „Hey, läuft doch!“

Und dann kommt Kritik rein, als wäre sie die übermotivierte Hausmeisterin meines emotionalen Wohnblocks:
„Jo, ich klopf nur kurz an…“

BÄM!

Mein Gehirn schmeißt daraufhin sofort alle Browserfenster in die Luft, drückt den „PANIK!!“-Knopf und ruft:
„Hey du da, ich wollte dich nur kurz darüber informieren, dass
ALLES FALSCH IST!!!

Es ist, als hätte mein innerer Projektmanager einen riesigen roten Knopf im Büro stehen, den man eigentlich NIE drücken sollte – und Kritik ist dieser kleine, nervige Windstoß, der ihn einfach antippt.

Wumm.

Alles fährt runter. Motivation gelöscht. Hoffnung im Papierkorb.
Mein Selbstwertgefühl stolpert verwirrt herum und sagt:
„Ich möchte SOFORT Urlaub nehmen… Burnout ist gerade total in.“

„Projekt? Nein. Zu emotional verletzt. Wir stellen das bitte ein. Dankeschön.“
Wir löschen die Webseite, den Text, den Kommentar… und zur Sicherheit auch gleich noch das ganze Internet.

Ich investiere Stunden, Tage, Wochen Herzblut,
das sind meine kleinen digitalen Babys – nur mit HTML statt Windeln.

Und das Absurde?
Die Kritik ist oft nicht mal schlimm.
Es könnte jemand sagen:
„Der Hintergrund könnte vielleicht etwas heller sein.“

Und ich übersetze das automatisch zu:
„Du hast komplett versagt. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast zu atmen… ohne Hilfe.“

Und dann sitze ich da, schimpfe liebevoll mit meinem eigenen Gehirn:
„Alter, beruhig dich. Es ist nur Kritik, kein Weltuntergang.“

Und mein Gehirn so, mit Megafon auf einer mentalen Mülltonne stehend:

„ABER ES KÖNNTE EIN WELTUNTERGANG SEIN!!! WIR WERDEN ALLE STERBEN!!!
ZURÜCK ZUM PANIKRAUM! SCHNELL! NEHMT DIE COOKIES MIT!!”

Und als wäre das nicht genug, öffnet mein Kopf noch 27 zusätzliche Tabs, die keiner bestellt hat:

  •   „Sollte ich auswandern?“
  •  „Vielleicht werde ich doch Okapi-Hirtin.“
  •  „Warum existiere ich?“
  •   „Kann man Emotionen in einen Papierkorb ziehen?“

Währenddessen flüstert mein innerer Monk:
„Vielleicht einfach… die Hintergrundfarbe ändern?“

Aber der Dramamodus antwortet:

„NEIN! Wir müssen ALLES LÖSCHEN! DEN PC EXORZIEREN! EINEN NEUANFANG MACHEN!
Wir brauchen Räucherkerzen! einen Weihwasserkessel! Ein Exorzismus-Plugin!!!“

Und am Ende, wenn die emotionale Dramashow langsam abgeklungen ist, sitze ich da wie ein leicht überfahrener Hamster und murmel:
„Okay… vielleicht war das… ein bisschen viel.“

Dann mach ich mir einen Tee, atme einmal tief durch, öffne die Projekte wieder und sage zu mir selbst:
„Wir löschen heute mal nichts.
Wir überleben das.
Und wenn Kritik wiederkommt, kriegt sie vorher eine Nummer und muss im Wartezimmer bleiben.“

Und seien wir ehrlich:
Ganz ohne Drama wäre es ja auch langweilig.
Irgendwer muss schließlich für Spannung sorgen –
und mein Borderline Gehirn macht den Job sehr enthusiastisch.


Donnerstag, 20. November 2025

Borderline - Gefühlsstark durchs Leben

 

Mein Alltag als Borderliner: Ein liebevoll-chaotischer Erfahrungsbericht

Mein Alltag als Borderliner: Ein liebevoll-chaotischer Erfahrungsbericht

Eine satirische Gebrauchsanweisung (für Fortgeschrittene und sonst niemanden)

Es gibt Menschen, die spazieren gemütlich durchs Leben, als hätten sie ein unsichtbares „Ich-bin-im-Gleichgewicht“-Abo abgeschlossen.
Und dann gibt es mich: Borderlinerin, zertifizierte Angstexpertin, Chaosbeauftragte und nebenbei auch noch Besitzerin einer Gefühls-Intensität, die jeder Seifenoper Konkurrenz macht.

Während andere entspannt ihre Schritte setzen, absolviere ich täglich einen emotionalen Parkour, bei dem die Hindernisse unsichtbar sind – dafür aber zuverlässig alle 20 Minuten majestätisch aus dem Nichts auftauchen.
Manchmal stolpere ich, manchmal springe ich drüber, manchmal laufe ich frontal dagegen.

Wenigstens wird’s nie langweilig.

Morgens.

Der Tag beginnt. Erst einmal mit verschwiemelten Augen den Türrahmen tuschiert. Mein Kakao verschüttet sich über die eigene Hose, bevor die Tasse überhaupt den Mund erreicht hat. Warum?
Weil der warme Kakao natürlich schon beleidigt war, dass man zuerst das Handy begrüßt hat. Wenigstens hatte er dadurch Zeit zum abkühlen.
(Kakao nimmt sowas persönlich, das weiß man.)

Planung des Tages:

Man nimmt sich vor: „Heute bleibe ich ganz ruhig, gelassen und zentriert!“
Zehn Minuten später wirft eine freundliche WhatsApp-Nachricht die emotionale Großwetterlage komplett um.
Jetzt ist man entweder euphorisch wie ein Labrador auf Red Bull — oder innerlich in einer existenziellen Krise, weil jemand „ok.“ statt „okkayyy 🥺✨“ geschrieben hat.

Im Supermarkt:

Man möchte eigentlich nur Brot kaufen.
Eine Stunde später steht man an der Kasse mit 13 Dingen, die man nie wollte, und hat das Brot vergessen.
Und irgendwo zwischen Gemüseabteilung und Kühlregal ist man spontan in eine philosophische Selbstanalyse zu den Themen „Was mache ich hier?“ und „Warum hat der Joghurt so viele Sorten?“ abgerutscht.

Zwischen Obstregal und Tiefkühlpizza habe ich bereits:

  • 7× meine Lebensentscheidungen überdacht,

  • 3× meine Identität gewechselt

  • und mindestens 1× überlegt, ob mich die Melone seltsam anguckt.

Zwischenmenschliche Kommunikation:

Das Gehirn so: „Sag’s einfach klar und direkt.“
Der Mund so: „Ich sage jetzt entweder zu viel, zu wenig oder etwas völlig Unklares, das unsere Beziehung für die nächsten sieben Jahre definiert.“
Manchmal geht’s sogar gut.
Manchmal endet es damit, dass man eine Sprachnachricht aufnimmt, anhört, löscht, neu aufnimmt, wieder anhört, dann rot wird und letztendlich gar nichts sendet, weil die Welt dafür einfach noch nicht bereit ist.

Emotionen:

Das Innenleben ähnelt einem Wetterbericht, bei dem alle vier Jahreszeiten pro Stunde stattfinden.
Von „Sonnenschein, ich liebe alle!!!“ über „Warum brennt der Himmel???“ bis „Ich ziehe ins Kloster.“
Und das alles, während man einfach nur Nudeln kochen wollte.

Eine beiläufige Nachricht, ein kleiner Blick, ein Tonfall – und zack!
Mein Innenleben macht einen kompletten Staffelwechsel, während ich noch überlege, ob ich nicht eigentlich vorher noch Frühstücken wollte.
 
Abends: Die chaotische Endrunde – Staffel „Verliebt in Chaos“

Man kuschelt sich ins Bett, die Decke wie ein Schutzschild um die Schultern geschlungen, und denkt:
„Okay, heute war chaotisch… aber irgendwie auch lustig. Vielleicht sogar heroisch.“

Dann trifft einen die Realität wie ein Türrahmen, gegen den man mal wieder rennt. Genau, der Türrahmen, der einen jedes Mal daran erinnert, dass man in einem chaotischen Actionfilm lebt – nur dass niemand Popcorn mitbringt.

Kaum hat man sich davon erholt, blitzt die Erinnerung auf: Der Geschirrspüler!
Nicht eingeräumt. Natürlich nicht.
Man springt auf, stolpert über den Schuh, den man extra mitten in den Raum gestellt hat, und murmelt:
„Warum leben so viele Menschen aufrecht und geordnet?“

Während man den Geschirrspüler zumindest ansatzweise im Auge behält, kommt die traurige Erkenntnis: „Verliebt in Berlin“ läuft nicht mehr.
Die eine Serie, die einem gezeigt hat, dass man trotz Chaos und 
dem Gefühls-Presslufthammer geliebt werden könnte… einfach weg.

 „Okay, Welt, ernsthaft? Ich brauche wenigstens meine Seifenopern-Helden!“

Man lacht. Man flucht. Man stößt sich vielleicht noch einmal am Türrahmen.
Und dann legt man sich wieder hin, deckt sich zu und denkt:
„Morgen fange ich vielleicht ein kleines bisschen organisierter an. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“

Man versucht einzuschlafen – mit dem leisen Wissen, dass man den Tag überlebt hat, dass man ein bisschen gegen Türrahmen gehämmert, ein bisschen Chaos angerichtet, ein bisschen gelacht und ein bisschen geweint hat.
Und irgendwie fühlt sich das nach Superhelden-Level an – nur ohne Kostüm, dafür mit unordentlichem Schuhwerk und Kleidung in Übergröße.

Du denkst das ist nun das Ende? Das hast du doch nicht wirklich erwartet oder?

Gerade, als man denkt: Ah, jetzt! Endlich Schlaf… Frieden… – da meldet sich das Gehirn mit einem Vollalarm. 

„Hey! Erinnerst du dich an diese eine peinliche Sache vor drei Jahren? Als du in deinem eleganten weißen Engelshemd mit dem ganzen Op Tisch einen Rückwärtssalto hingelegt hast? Nein? Soll ich sie dir nochmal im Detail durchkauen?“
 
Man liegt da, Augen geschlossen, versucht sich zu entspannen.
Doch das Gehirn lässt nicht locker: „Und die Mail, die du nie abgeschickt hast? Die ist immer noch da! Und was, wenn der Türrahmen morgen Rache übt?“
 
Man seufzt. Man rollt sich auf die andere Seite.
Dann fällt einem ein, dass man den Schuh vom Geschirrspüler-Stolpern noch nicht zurückgestellt hat.
Und warum hat mir niemand erklärt, dass Sockenpaare grundsätzlich verschwinden, sobald man sie loslässt?
 
Schließlich gibt man auf. Man kuschelt sich tiefer in die Decke, denkt: „Morgen… morgen… vielleicht…....
 
“ nur um wieder aufzustehen, erneut über den Schuh zu stolpern, ihr erinnert euch, und noch etwas am Computer zu arbeiten.

Back again

 


Endlich zurück – ein Lebensupdate

Vielleicht ist euch schon aufgefallen, wie viel Zeit zwischen der Wiederaufnahme meines Blogs und meinem letzten Beitrag vergangen ist. In der Zwischenzeit ist in meinem Leben sehr viel passiert – und ich möchte ein wenig davon mit euch teilen.

Mein größter Wunsch ist endlich in Erfüllung gegangen: Ich bin aus meinem ungeliebten Wohnort zurück in meine alte Heimat gezogen – zusammen mit meinem Mann. Dieser Umzug war ein langer Weg, denn die intensive Wohnungssuche hat mehr als zwei Jahre gedauert. Ermöglicht wurde uns das Glück durch den Vorruhestand meines Mannes, der mittlerweile Rentner ist.

Doch es gab auch schwierige Zeiten. Während wir mitten im Umzug steckten und die alte Wohnung für die Übergabe vorbereiten mussten, erkrankte mein Mann schwer. Direkt nach dem Umzug war die Erkrankung lebensbedrohlich – zum Glück geht es ihm inzwischen wieder gut.

In dieser Zeit musste ich mich auch von meiner Therapie verabschieden, denn mein Therapeut ist in Rente gegangen. Den Weg ohne seine Begleitung weiterzugehen, fiel mir sehr schwer. Sein Beistand fehlt mir noch heute – auch wenn mein Mann zwischendurch immer wieder sagt, dass er sowieso nie zu Wort gekommen sei. grins

Auch die reale Selbsthilfegruppe, die ich gemeinsam mit einer Freundin geleitet habe, musste ich aufgeben. Es gab unüberbrückbare Differenzen innerhalb der Gruppe und zwischen mir und meiner ehemaligen Mitleiterin. Unsere Freundschaft endete dadurch ebenfalls. Die Coronasituation hat die Arbeit ebenfalls ungemein erschwert. Ich hätte vielleicht alleine weitergemacht, da unsere Gruppenbetreuerin hinter mir stand, fühlte mich dem aber nicht gewachsen – und da schon klar war, dass ich bald umziehen würde, wurde die Gruppe schließlich geschlossen.

Das bedeutet, dass ich heute keine reale Selbsthilfegruppe mehr habe. In meiner alten Heimat gibt es leider keine Borderline-Selbsthilfegruppe. Noch einmal eine Neugründung zu starten, wäre für mich ehrlich gesagt zu viel – ich habe hier weder die nötigen Verbündeten noch die passenden Anlaufstellen.

Trotzdem habe ich viel Zeit in meine/unsere Facebook-Gruppen investiert, und das ist nach wie vor ein wichtiger Teil meines Lebens. Natürlich kann das den echten persönlichen Kontakt nicht vollständig ersetzen, aber es ist eine wertvolle Möglichkeit, sich auszutauschen und verstanden zu fühlen.

Rückblickend kann ich sagen: Von der Diagnose bis heute habe ich einen langen Weg zurückgelegt. Manches hat sich zum Besseren verändert, anderes ist noch zu bearbeiten. Ich habe gelernt, dass Heilung und Selbstentwicklung ein langsamer, manchmal holpriger Prozess sind. Rückschläge gehören dazu – aber auch kleine Fortschritte, die Mut machen, weiterzugehen.

Und trotz aller Schwierigkeiten bin ich dankbar: für die Schritte, die ich gegangen bin, für die Menschen, die mich begleitet haben, und für die neuen Wege, die sich mir eröffnen. Ich habe gelernt, dass Veränderung möglich ist – auch wenn sie Zeit, Geduld und manchmal das Loslassen alter Strukturen erfordert.

In diesem Sinne möchte ich euch ermutigen: Es ist nie zu spät, Veränderungen anzugehen, sich selbst treu zu bleiben und kleine Schritte Richtung Glück zu machen – egal wie lang der Weg zu sein scheint.

 

Borderline eine übervolle Welt

Borderline bedeutet nicht „anstrengend sein“ - es bedeutet, jeden Tag mit einem inneren Sturm zu leben, den niemand von außen wirklich sehen kann.

 

Borderline bedeutet nicht „anstrengend sein“ - es bedeutet, jeden Tag mit einem inneren Sturm zu leben, den niemand von außen wirklich sehen kann.

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erleben ihre Gefühle nicht einfach nur stärker — sie fühlen alles in einer Intensität, die oft überwältigend ist. Freude kann sich wie ein Feuerwerk anfühlen, das den ganzen Körper erfüllt, aber Schmerz kann ebenso gewaltig einschlagen, wie ein Erdbeben, das plötzlich alles erschüttert.

Einer der schwierigsten Aspekte ist diese instabile emotionale Welt: Ein kleiner Auslöser kann reichen, um jemanden in Sekunden von Hoffnung in Verzweiflung zu stürzen. Diese inneren Abstürze sind nicht freiwillig und auch nicht übertrieben — sie sind real, körperlich spürbar und oft beängstigend.

Dazu kommt die ständige Angst, verlassen zu werden. Eine verspätete Nachricht, ein veränderter Blick, ein kurzer Rückzug anderer kann sich anfühlen wie ein tiefer, unerwarteter Stich direkt ins Herz. Nicht, weil man „dramatisch“ ist, sondern weil das Nervensystem ständig auf Alarm steht. Beziehungen werden dadurch intensiv geliebt, aber auch intensiv gefürchtet.

Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, keinen festen inneren Boden zu haben — als würden sie auf einer brüchigen Brücke laufen, die jederzeit nachgeben könnte. Die eigene Identität verschwimmt; wer man ist, was man braucht, was man fühlt, kann sich täglich verändern.

Borderline bedeutet auch, eine unglaubliche Sensibilität zu besitzen: für Stimmungen, zwischenmenschliche Zwischentöne, Ungerechtigkeit und tiefe Emotionen anderer. Viele Betroffene haben ein riesiges Herz, das zu viel fühlt, zu tief liebt und oft an den falschen Stellen zu schnell bricht.

Die Erkrankung ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: Wer mit Borderline lebt, trägt eine Kraft in sich, die oft unterschätzt wird — die Kraft, jeden Tag aufzustehen, obwohl der Kampf im Inneren niemals wirklich pausiert.

Und dennoch: Mit Verständnis, Geduld und professioneller Unterstützung können Betroffene lernen, ihre Gefühle besser zu regulieren, sich selbst zu verstehen und ihr Leben mit weniger Schmerz und mehr Stabilität zu gestalten. Es ist kein einfacher Weg, aber er ist möglich.

Borderline ist kein Chaos – es ist eine übervolle Welt, die nach Ruhe verlangt.

Und es braucht Mut, jeden Tag darin weiterzugehen.


Borderline jenseits der Klischees

 
Vorurteile über Borderliner- bzw. emotional instabiler Persönlichkeitstyp Borderline - ein ernstzunehmendes Problem

 
Vorurteile über Borderliner- bzw. emotional instabiler Persönlichkeitstyp Borderline - ein ernstzunehmendes Problem

Was im Internet über Borderliner verbreitet wird, ist oft erschreckend. Viele Menschen bedienen sich eines groben Schubladendenkens und scheuen sich nicht, abwertende und pauschale Urteile zu verbreiten. Dabei wird völlig vergessen, dass es um kranke Menschen geht, die Respekt und Verständnis verdienen.

Unter dem Deckmantel persönlicher Beziehungserfahrungen wird allen Borderlinern pauschal Beziehungsunfähigkeit unterstellt – als wären wir eine homogene Gruppe ohne Unterschiede oder Individualität.

Häufige Vorurteile

Hier einige Beispiele, wie massiv die Vorurteile ausfallen:

  • Borderliner seien Jammerlappen oder eingebildete Kranke.

  • Sie würden ständig manipulieren und lügen.

  • Sie seien faul und unzuverlässig.

  • Sie würden gesunde Menschen krank machen.

  • Sie seien grundsätzlich beziehungsunfähig.

  • Sie wollten nur Aufmerksamkeit und Mitleid.

  • Sie würden sich alle selbst verletzen.

  • Sie könnten nicht lieben oder Mitgefühl empfinden.

  • Sie seien Kompromiss unfähig.

  • Sie hätten keine eigene Persönlichkeit.

  • Sie seien gewalttätig und ohne Unrechtsbewusstsein.

  • Sie würden Probleme absichtlich ausblenden.

  • Sie seien therapieresistent oder Therapie unwillig.

  • Sie wollten sich nicht helfen lassen.

  • Sie könnten keine Nähe zulassen.

  • Ihnen fehle Reflexionsvermögen.

  • Sie hätten keine eigenen Wertvorstellungen.

  • Sie übernehmen keine Verantwortung.

  • Sie könnten nicht mit Geld umgehen.

  • Sie denken nur schwarz oder weiß.

  • Sie seien unberechenbare Monster.

Solche Aussagen sind nicht nur falsch, sondern auch entmenschlichend.

Borderliner sind Individuen

Diese Vorurteile lassen außer Acht, dass die BPS sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Symptome, Schweregrad und Umgang damit unterscheiden sich von Person zu Person erheblich. Extrem abwertende Vergleiche – etwa mit „Monstern“ oder „gefährlichen Tieren“ – sind sachlich falsch und fördern ein Klima der Ausgrenzung statt des Verständnisses.

Eine Beziehung mit einem Borderline-Betroffenen kann herausfordernd sein, ist aber keineswegs unmöglich. Sie erfordert Klarheit, Geduld und einen verlässlichen Umgang miteinander. Auch das Verhalten des Umfelds kann Symptome verstärken oder abschwächen.

Ein Blick auf meine persönliche Realität

Ich selbst lebe seit vielen Jahren in einer stabilen Ehe. Das zeigt, dass Beziehungsfähigkeit nichts mit der Diagnose allein zu tun hat, sondern mit der Dynamik zweier Personen. Unterschiedliche Bedürfnisse können jede Beziehung belasten – unabhängig von einer psychischen Erkrankung.

Ich verfüge über eigene Werte, Identität und ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein. Gefühle wie Liebe, Mitgefühl und Schuld sind vorhanden, oft sogar intensiver. Kompromisse sind möglich, und langjährige Freundschaften belegen das.

Auch das typische Schwarz-Weiß-Denken lässt sich durch Therapie und Übung verändern.

Weg von Stigmatisierung – hin zu Verständnis

Es ist mein Anliegen, dass Borderliner nicht als Problem, Monster oder Belastung abgestempelt werden. Wir sind Individuen mit einer Diagnose – nicht eine Diagnose in Menschengestalt.

Borderliner verdienen Akzeptanz, Verständnis und Unterstützung. Therapie ist oft ein langer Weg mit Rückschlägen, aber es gibt Fortschritte. Angehörige können helfen, indem sie informiert, geduldig und beständig bleiben.

Ein Gedankenanstoß

Bei körperlichen Erkrankungen würde man einen Angehörigen unterstützen, statt ihn zu verurteilen oder auszugrenzen. Dasselbe Verständnis sollte auch bei psychischen Erkrankungen selbstverständlich.

 

 

Verbotene Emotion: Wut

 


Warum ist Wut in unserer Gesellschaft so verpönt? – ein persönlicher Blick

Wut ist eines dieser Gefühle, über die man selten offen spricht. Freude? Immer willkommen. Trauer? Wird akzeptiert. Angst? Verständlich.

Aber Wut? Da zucken viele zusammen. Man soll „ruhig bleiben“, „vernünftig reagieren“, „nicht so übertreiben“. Schon als Kind lernen viele von uns, dass Wut etwas ist, das man besser runterschluckt.

Dabei ist Wut ein völlig normales, menschliches Gefühl. Eigentlich sogar ein ziemlich hilfreiches.
Wut ist kein schlechtes Gefühl
Viele glauben, Wut sei automatisch etwas Negatives. Aber das stimmt nicht.

Wut ist Energie. Wut zeigt: Hier stimmt etwas für mich nicht. Wut kann uns Mut geben, wenn wir uns eigentlich ohnmächtig fühlen. Sie kann Angst dämpfen und klarer machen, was wir brauchen.

Manchmal ist Wut die einzige innere Stimme, die noch laut genug ruft, wenn alles andere schon verstummt ist.

Warum wir sie trotzdem verstecken?!
Wir leben in einer Gesellschaft, in der „funktionieren“ wichtiger zu sein scheint als „fühlen“.
Wut passt da nicht rein. Sie ist unbequem, laut, ehrlich. 

Viele von uns haben gelernt:

  • Wut macht Ärger.

  • Wut macht uns unsympathisch.

  • Wut könnte Beziehungen ruinieren. 

Also versuchen wir, sie zu kontrollieren. Zu schlucken. Zu überspielen.Doch manchmal frisst sie sich dann nach innen - und tut dort viel mehr weh.

Was Wut uns eigentlich sagen will:

  • Wut zeigt, wo unsere Grenzen liegen.

  • Wut zeigt, was uns wichtig ist.

  • Wut zeigt, wo wir uns selbst verloren haben. 

Sie ist wie ein innere Warnlampe:

„Hey, hier stimmt was nicht. Hör mir zu.“

Wenn wir das ignorieren, verlieren wir nicht die Wut - wir verlieren uns selbst.

Borderline und Wut – ein besonders sensibles Thema

Menschen mit Borderline erleben Gefühle oft intensiver. Nicht, weil sie „übertreiben“, sondern weil ihr Nervensystem schneller und stärker reagiert. Das bedeutet:

  • Wut kommt oft plötzlich und heftig.

  • Sie fühlt sich manchmal überwältigend an.

  • Sie kann Angst machen — sowohl der Person selbst als auch anderen.

Viele Borderliner haben in ihrem Leben immer wieder gehört:

  • „Du bist zu extrem.“

  • „Du tust schon wieder zu viel.“

  • „Reiß dich zusammen.“

Mit solchen Botschaften lernt man nicht, mit Wut umzugehen- man lernt nur, sich für sie zu schämen.

Dabei steckt hinter der Wut oft etwas sehr Weiches:

  • Verletzung.

  • Überforderung.

  • Sehnsucht nach Sicherheit.

  • Angst vor Nähe oder Verlust.

Für viele ist Wut ein Ausdruck von Schmerz, den sie anders nicht zeigen durften.

Wut verdient Raum- und Mitgefühl

Wut muss nicht zerstörerisch sein. Sie kann ehrlich sein. Heilsam. Klar.

Sie braucht nur etwas, das wir uns selten geben:

  • Erlaubnis.

  • Einen sicheren Ort.

  • Ein Gegenüber, das nicht wegrennt.

Wenn Wut ausgesprochen werden darf, bevor sie explodiert, wird sie weich. Verständlich.
Sie verliert ihren Schrecken.
Wut ist menschlich – und sie gehört zu uns
Wut ist kein Monster, das man einsperren muss.
Sie ist ein Gefühl, das gesehen werden will.

Ein Teil von uns, der sagt: „Ich zähle. Meine Grenzen zählen.“

Gerade für Menschen mit Borderline ist Wut oft eng verwoben mit alten Verletzungen. Aber sie ist auch eine Chance:
eine Einladung, sich selbst besser zu verstehen und für sich einzustehen.

Wenn wir anfangen, Wut nicht zu verurteilen, sondern zuzuhören, merken wir:
Sie ist nicht unser Feind.
Sie ist unsere innere Stimme, die uns erinnert, dass wir lebendig sind.

 

Borderline und das Streben nach Vollkommenheit


Borderline und der Kampf mit dem Perfektionismus
 
 
Borderline und der Kampf mit dem Perfektionismus
 
Perfektionismus ist etwas, das viele nicht sofort mit Borderline in Verbindung bringen. Für mich jedoch ist er ein ständiger Begleiter — manchmal wie ein Motor, oft wie ein Schatten, der mir schwer im Nacken sitzt.
 
Ich versuche so oft, alles richtig zu machen.
Nicht, weil ich besser sein möchte als andere,
sondern weil ich Angst habe, Fehler könnten mich „entlarven“:
als ungenügend, als zu viel, als nicht liebenswert — oder wie in meiner Kindheit — als jemand, der für Fehler bestraft wird, für den Anerkennung und Lob unerreichbar war.
 
In mir lebt dieses tiefe Gefühl, dass ein kleiner Fehler groß genug sein könnte, um alles ins Wanken zu bringen: Beziehungen, Vertrauen, mein Selbstwertgefühl. Ein falsch gesetztes Wort, ein Missverständnis, eine vergessene Kleinigkeit, und plötzlich fühlt es sich an, als wäre ich gescheitert. Nicht an der Aufgabe — sondern an mir selbst.
 
Doch Perfektionismus erschöpft.
 
Er nimmt mir den Raum zum Atmen.
Er verhindert Entwicklung und sabotiert jedes bisschen Selbstmitgefühl.
Mein Perfektionismus ist oft kein Ehrgeiz, sondern ein Schutzmechanismus:
Wenn ich perfekt bin, kann mich niemand verletzen.
Wenn ich alles richtig mache, werde ich vielleicht nicht verlassen.
Wenn ich stark wirke, sieht niemand, wie zerbrechlich ich mich manchmal fühle.
Aber dieser Anspruch hat seinen Preis.
 
Ich setze mich unter Druck, bis ich kaum noch atmen kann.
Ich vergleiche mich mit anderen und verliere jedes Mal.
Ich verliere mich in Details, bis ich den Überblick verliere.
Ich bin niemals wirklich zufrieden mit meinen Ergebnissen und werte meine eigene Leistung ab.
 
Und wenn etwas nicht gelingt, stürze ich emotional oft tiefer, als es die Situation rechtfertigen würde — aber für mich fühlt es sich existenziell an.
Perfektionismus gibt mir für einen Moment Sicherheit,
doch langfristig nimmt er mir genau das, wonach ich mich sehne:
Ruhe, Selbstvertrauen, Leichtigkeit, Erfolg, Selbstzufriedenheit.
 
Fehler als menschlich zu akzeptieren, kleine Schritte wertzuschätzen und den Unterschied zwischen Leistung und eigenem Wert zu erkennen — all das fällt unfassbar schwer.
 
Menschen mit Borderline sind nicht perfektionistisch, weil sie „übertrieben“ sind, sondern weil sie gelernt haben, dass Fehler gefährlich sein können.
Je stabiler und selbstverständlicher der eigene Wert wieder wird, desto leiser wird mit der Zeit auch dieser innere Druck.
 
Und genau darin liegt die Hoffnung:
Perfektion ist nicht der Weg zur Sicherheit.
Aber Selbstmitgefühl ist der Weg zur Freiheit.

Missverstanden und eingeordnet

 

Schubladen und der Alltag mit Borderline

Schubladen und der Alltag mit Borderline 
 
Es gibt kaum eine Diagnose, die so viele Vorurteile hervorruft wie Borderline. Kaum ausgesprochen, scheint sie für manche Menschen zu einem Etikett zu werden, das alles erklärt, alles bewertet und alles reduziert.
 
Als würde ein einziger Begriff ausreichen, um die Tiefe, die Widersprüche und die Menschlichkeit einer Person zu begreifen.
Oft wird nicht der Mensch gesehen, sondern nur die Diagnose. Das Wort Borderline wird für manche zu einem Etikett, das sie über alles kleben: über meine Gesten, über meine Stimme, über meine Geschichte. 
 
Vorurteile, die sich wie kalte Stempel anfühlen und viel weniger über die betroffene Person aussagen als über die Unwissenheit und Angst derer, die sie verwenden.
Ich habe oft das Gefühl, dass meine Diagnose schneller spricht als ich selbst. Kaum fällt das Wort Borderline, öffnen sich in den Köpfen anderer sofort Schubladen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren.
 
Manchmal betrete ich einen Raum und habe das Gefühl, mein Name kommt erst an zweiter Stelle — nach dem Etikett, das andere für mich bereithalten.
Viele sehen nicht mich, sondern die Vorstellung einer Diagnose, über die sie irgendwo gehört oder gelesen haben:
zu emotional, instabil, manipulativ, schwierig.
 Worte, die sich wie kalte Schatten auf meine Haut legen, obwohl sie so wenig mit meinem tatsächlichen Leben zu tun haben.
 
Was niemand sieht: Wie viel Kraft es kostet, Gefühle auszuhalten, die lauter sind als jeder Lärm draußen. Wie oft ich schweige, damit niemand denkt, ich übertreibe. Wie viele meiner Reaktionen in Wahrheit Versuche sind, Nähe zu halten, ohne mich selbst zu verlieren.
Der Alltag fühlt sich manchmal an wie ein ständiges Balancieren — zwischen dem Wunsch, verstanden zu werden, und der Angst, wieder in eine Schublade gesteckt zu werden.
 
Wenn ich stark bin, heißt es: „Sie wirkt ja ganz stabil.“
Wenn ich schwach bin, heißt es: „Klar, typisch Borderline.“
Es scheint, als würde mein Verhalten nie einfach menschlich sein — immer erklärbar, immer verdächtig, immer kommentierbar.
 
Dabei bin ich nicht unberechenbar.
Ich bin nur jemand, der die Welt intensiver spürt — Licht und Schatten gleichermaßen.
Ich reagiere nicht „über“, ich reagiere tief.
Und manchmal sieht man nur die Oberfläche, nicht die Geschichte dahinter.
Ich wünschte, Menschen würden verstehen, dass Borderline nicht bedeutet, dass ich in eine Kategorie passe.
 
Es bedeutet, dass ich Grenzen spüre wie dünnes Glas, dass Nähe für mich gleichzeitig Trost und Angst bedeutet und dass ich täglich neu lernen muss, mich selbst zu halten.
Was mich durch all das trägt, ist nicht das Urteil anderer, sondern mein eigener leiser Mut.
 
Der Mut, mich jeden Tag wieder der Welt zu zeigen, die mich viel zu oft vorschnell einordnet.
Der Mut, mich nicht aufzugeben, obwohl ich weiß, wie schwer ich manchmal zu verstehen bin.
Ich bin nicht nur eine Diagnose.
 
Ich bin ein Mensch — widersprüchlich, empfindsam, chaotisch, stark.
Und wenn man mich wirklich sehen will, dann muss man bereit sein, die Schubladen geschlossen zu lassen.
Zuzuhören.
Zu verstehen.
 
Und mich als das wahrzunehmen, was ich immer war:
ein Mensch, nicht ein Etikett.