Freitag, 31. Juli 2026

Hinter der Fassade

 

Hinter der Fassade

Text könnte Triggern
 
Missbrauch, Mobbing
Wenn das Zuhause zum Feind und die Schule zum Schlachtfeld wird
 
Bis zu meinem fünften Lebensjahr war ich eigentlich ein Kind wie jedes andere. Ich hatte diesen unbändigen Willen, der in mir brannte. Auch wenn ich nach außen hin schüchtern und introvertiert wirkte, war ich in meinem vertrauten Umfeld ein richtiger Wildfang.
 
Ich war ein Scheidungskind – ein Wort, das damals meine Realität prägte. Meine Mutter war abwesend und für mich eher ein Mythos. Ein Mensch, der mich geboren hatte, ohne jemals wirklich da zu sein. Bei meinen Großeltern fand ich zunächst einen Zufluchtsort und wurde verwöhnt, nur um dann abrupt beiseitegeschoben zu werden.
 
Plötzlich war ich nicht mehr das geliebte, süße Kind, sondern der Sündenbock für die neue Lieblingsenkeltochter und für alles, was in der Familie schieflief. Ich war plötzlich "zu wild" oder "zu faul" – ich konnte nichts mehr richtig machen.
Doch das war nur der Anfang einer Veränderung, die ich damals nicht begreifen konnte.
 
Wenn der Körper zum Schutzschild wird
 
Dann begann der Missbrauch – ein Ereignis, das die Grundfesten meiner Welt erschütterte. Plötzlich war ich nicht mehr nur ein Kind, das sich nach Liebe sehnte; ich war ein Kind, das sich in Sicherheit bringen musste.
 
Mein Körper begann, sich zu verändern. Aus einem normalgewichtigen Kind wurde eines, das Essen als einzige Konstante, als einzigen Trost in einer unvorhersehbaren und bedrohlichen Welt nutzte. Mein Körper wurde zu einem Schutzwall, den ich unbewusst errichtete.
 
In dieser Zeit schwankte ich zwischen verzweifelter Rebellion und tiefem emotionalem Rückzug.
 
Der Beginn eines langen Leidenswegs
 
Mit dem Eintritt in den Kindergarten begann eine neue Form der Gewalt: das Mobbing. Warum es mich traf? Ich weiß es bis heute nicht genau. Vielleicht waren es meine Schüchternheit und Ängstlichkeit, die mich zur leichten Beute machten.
Ich fand dort keinen Anschluss, keine Freunde – ich war dort isoliert, noch bevor der erste Schultag überhaupt begonnen hatte. 
 
Das Mobbing wurde zu einem ständigen Begleiter meiner gesamten Kindheit und Jugend. Mit der Zeit veränderte sich meine Art, damit umzugehen, oder besser gesagt: "Mein Versuch, dem Schmerz zu entkommen, führte mich in die Sucht".
 
Das Zuhause als Ort der Angst
 
Wenn das eigene Zuhause kein Rückzugsort ist, sondern ein Ort, an dem man sich nie sicher fühlen kann, entwickelt man Überlebensstrategien, die einen oft ein Leben lang begleiten.
Im Alter zwischen elf und vierzehn Jahren erreichte meine innere Not einen neuen Tiefpunkt. Ich schlief häufig in meinen Klamotten, um es meinen Peinigern so schwer wie möglich zu machen, und ging morgens direkt in denselben Sachen zur Schule, nur um mich nicht entkleiden zu müssen. Ich vernachlässigte meine Körperpflege bewusst.
 
Heute verstehe ich, was das war, es war keine Faulheit, sondern ein verzweifelter Schutzmechanismus. Ich glaubte, dass meine Peiniger das Interesse verlieren würden, wenn ich mich nicht pflegte und möglichst "unattraktiv" wirkte. 
Ironischerweise befeuerte genau dieses Verhalten das Mobbing in der Schule noch zusätzlich. Ein Teufelskreis, aus dem es scheinbar kein Entkommen gab.
 
Das Zerstörerischste an dieser Zeit war, dass es keinen sicheren Ort gab. Zuhause erlebte ich Gewalt und Missbrauch. In der Schule warteten Ausgrenzung, Demütigungen und Mobbing auf mich. Die beiden Orte, die einem Kind eigentlich Schutz, Geborgenheit und Orientierung geben sollten, wurden zu Orten der Angst.
Es gab keinen Raum, in dem ich durchatmen konnte. Keine Pause von der Anspannung, kein Gefühl von Sicherheit. Wenn ich die Schule verließ, erwartete mich zu Hause die nächste Bedrohung. Wenn ich das Haus verließ, wartete in der Schule die nächste Form von Gewalt. Ich lebte in einem ständigen Zustand der Alarmbereitschaft, weil es keinen Ort gab, an dem ich einfach nur Kind sein durfte.
 
Besonders prägend war die Erfahrung, dass auch von den Lehrkräften kein angemessener Schutz ausging. Statt einzugreifen, wenn ich gemobbt wurde, begegneten mir einige selbst mit Ablehnung oder Gleichgültigkeit. So lernte ich früh, dass selbst die Menschen, die eigentlich helfen sollten, nicht immer auf der Seite der Schwächeren stehen. Dadurch entstand für mich der Eindruck, nicht das Mobbing sei das Problem, sondern ich selbst.
 
Dass diejenigen, die Verantwortung für unsere Sicherheit trugen, wegsahen oder mich zusätzlich zum Problem machten, zerstörte mein Vertrauen in Erwachsene und Institutionen nachhaltig.
 
Was ständiges Mobbing mit der Seele macht
 
Doch das Mobbing war nicht nur ein äußeres Ereignis; es sickerte tief in meine Seele ein. Wenn dir jeden Tag vermittelt wird, dass du "falsch", "anders" oder "unerwünscht" bist, beginnst du irgendwann, diese Lügen selbst zu glauben.
Mobbing über einen so langen Zeitraum nagt nicht nur am Selbstwertgefühl, es zerstört das Fundament des eigenen Seins. Man lernt, die Welt mit ständiger Alarmbereitschaft zu betrachten. Man hört auf, Menschen zu vertrauen, weil die Erfahrung gelehrt hat, dass Nähe Gefahr bedeuten kann.
 
Die Seele wird müde. Man entwickelt eine Unsichtbarkeitsstrategie: Ich lernte, mich emotional so klein wie möglich zu machen, um keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Dieser dauerhafte Zustand der Verteidigung führt dazu, dass man den Kontakt zu sich selbst verliert. 
 
Man ist ständig auf der Hut, scannt Räume nach potenziellen Bedrohungen und entwickelt eine tiefe innere Scham – die Scham darüber, so behandelt zu werden, obwohl man doch nur ein Kind war.
 
Die Spuren, die bleiben
 
Heute weiß ich, dass diese Erfahrungen keine abgeschlossene Episode meines Lebens sind. Sie begleiten mich bis heute wie ein Schatten, der nie ganz verschwindet.
 
Die Sucht ist kein Problem, das man einfach löst, und dann hinter sich lässt. Ich habe gelernt, dass sie immer ein Teil meiner Geschichte bleiben wird. Man lebt nicht ohne sie – man lebt abstinent. Jeder Tag ist eine bewusste Entscheidung für diesen Weg.
Auch die Essstörung, die damals als Schutzschild begann, habe ich nie ganz überwunden. Sie ist ein ständiger Begleiter, ein Ausdruck des alten Schmerzes, der immer wieder an die Oberfläche drängt.
 
Die Folgen der Traumata sind tief in meinem System verankert. Es ist ein täglicher Kampf, mit diesen Narben zu leben, ohne mich von ihnen definieren zu lassen.
 
Die Gerechtigkeit, die nie kam
 
Eine weitere Narbe ist die Tatsache, dass meine Täter niemals zur Rechenschaft gezogen wurden. Nicht, weil nichts geschehen wäre, sondern weil ich als Kind nicht in der Lage war, sie anzuzeigen. Viele Menschen fragen sich, warum Betroffene schweigen. Die Antwort ist oft viel komplizierter, als es von außen erscheint.
 
Als Kind war ich abhängig von den Erwachsenen um mich herum. Ein schlechtes Zuhause erschien mir immer noch besser, als gar kein Zuhause. Die Angst vor den Konsequenzen, vor dem Unbekannten und davor, am Ende völlig allein dazustehen, war größer als die Hoffnung auf Hilfe. Also schwieg ich und versuchte zu überleben.
Heute weiß ich, dass ich damals keine echte Wahl hatte. Dennoch bleibt die schmerzliche Tatsache, dass die Menschen, die mir Gewalt angetan haben, nie Verantwortung für ihr Handeln übernehmen mussten. Inzwischen sind die meisten von ihnen verstorben. Damit ist auch jede Möglichkeit verloren gegangen, dass sie sich jemals vor einem Gericht oder vor mir für das verantworten müssen, was sie getan haben.
 
Es gibt keine späte Gerechtigkeit mehr, kein Geständnis, keine Entschuldigung und keine Anerkennung des erlittenen Unrechts. Was bleibt, ist die Aufgabe, mit den Folgen zu leben und einen Weg zu finden, Frieden mit einer Vergangenheit zu schließen, die nie wirklich aufgearbeitet wurde.
Die Schuld dafür liegt nicht bei dem Kind, das versucht hat zu überleben. Sie liegt bei den Menschen, die entschieden haben, einem Kind Leid zuzufügen.
 
Warum ich das schreibe
 
Ich teile diese Geschichte nicht, weil ich Mitleid suche. Ich schreibe sie, weil ich weiß, dass ich nicht allein bin. Mobbing und Missbrauch hinterlassen Spuren, die weit über die Schulzeit hinausreichen. Die ständige Alarmbereitschaft und die tiefen Verletzungen des Selbstbildes sind eine Last, die niemand allein tragen sollte.
 
Vielleicht erkennst du dich in diesen Zeilen wieder. Vielleicht fühlst du dich auch heute noch wie das Kind, das sich in seinen Klamotten versteckt hat, um nicht gesehen zu werden.
 
Wenn ja, möchte ich uns etwas sagen:
Wir haben überlebt.
Und allein das ist der größte Beweis für unsere Stärke.
 
 
 
 

Sonntag, 7. Juni 2026

Erste Hilfe für die Seele

 

Wenn die üblichen Übungen versagen 9 Rettungsanker, die mich aus dem emotionalen Tunnel holen

Wenn die üblichen Übungen versagen
9 Rettungsanker, die mich aus dem emotionalen Tunnel holen
 
Kennst du diese Tage, an denen dein Kopf beschließt, eine Sondervorstellung zu veranstalten?
 
Gedanken fahren Achterbahn, Gefühle spielen verrückt und jede Kleinigkeit wirkt plötzlich so dramatisch, als würde gleich der Abspann eines Katastrophenfilms laufen.
 
Genau dann kommen oft die gut gemeinten Ratschläge:
 
✵ „Mach doch eine Atemübung.“
✵ „Denk an etwas Schönes.“
 „Entspann dich einfach.“
 
Klar. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich vermutlich auch noch einem Goldfisch das Fahrradfahren beibringen.
 
Wenn ich mitten im emotionalen Tunnel stecke, brauche ich Dinge, die mein Gehirn beschäftigen, ablenken oder kurzzeitig austricksen. Nicht perfekt. Nicht wissenschaftlich geschniegelt. Sondern Dinge, die im echten Leben funktionieren.
Hier sind einige meiner persönlichen Rettungsanker.
 
 Hörbücher – weil mein Gehirn nur eine Geschichte gleichzeitig verfolgen kann!
 
Das ist mein absoluter Favorit.
 
Wenn mein Gedankenkarussell auf Höchstgeschwindigkeit läuft, schalte ich ein Hörbuch ein. Nicht unbedingt etwas Tiefgründiges. Hauptsache spannend genug, dass ich wissen will, wie es weitergeht.
 
Denn während ich herausfinden möchte, wer der Mörder war, warum der Kommissar schon wieder schlechte Laune hat, ob die Hauptfigur endlich ihre Brötchen aus dem Ofen holt oder warum in Horror-Geschichten grundsätzlich niemand auf die vernünftige Idee kommt, einfach wegzulaufen oder nicht ausgerechnet getrennt durch ein verlassenes Spukhaus zu wandern, hat mein Gehirn deutlich weniger Kapazitäten frei, um mir zum 47. Mal dieselbe Sorge vorzuspielen. 
 
Die Menschen in meinen Horror-Hörbüchern haben gerade eindeutig größere Probleme als ich.
 
Manchmal merke ich nach zehn Minuten:
„Moment mal ... ich habe gerade fünf Minuten lang nicht gegrübelt!“
Das ist dann ungefähr so überraschend wie Sonnenschein im norddeutschen November.
 
 Die Flucht vor der eigenen Tapete
 
Wenn alles zu viel wird, hilft manchmal nur eins:
 
Raus.
Nicht joggen.
Nicht wandern.
Nicht den Mount Everest besteigen.
Einfach raus.
Zur Haustür.
Zum Briefkasten.
Einmal um den Block.
 
Frische Luft ist zwar keine Wunderwaffe, aber sie hat den Vorteil, dass sie sich nicht für deine Probleme interessiert.
 
Außerdem kann man draußen hervorragend feststellen, dass andere Menschen ebenfalls seltsame Dinge tun.
Danach fühle ich mich oft etwas weniger allein mit meinem Chaos.
 
 Die große Tassen-Mission
 
Klingt lächerlich. Ist aber erstaunlich wirksam.
Wenn mein Kopf völlig überfordert ist, suche ich mir eine winzige Aufgabe.
 
Nicht die Wohnung putzen.
Nicht den Keller entrümpeln.
Nicht die Steuererklärung.
Nur eine Sache.
 
Zum Beispiel:
 
 die Kaffeetassen wegräumen
 eine Schublade sortieren
 den Tisch abwischen
 die Pflanzen gießen
 
Wenn alles innerlich chaotisch ist, tut es gut, wenigstens irgendwo sichtbar Ordnung zu schaffen.
Und wenn am Ende nur die Tassen an ihrem Platz stehen, ist das immer noch ein Erfolg.
 
 Eiskaltes Wasser – der unfreundliche, aber wirksame Freund
 
Ich gebe zu:
 
das gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.
Aber manchmal hilft ein kalter Waschlappen im Nacken oder eiskaltes Wasser im Gesicht tatsächlich dabei, das Nervensystem kurz umzuschalten.
 
Mein Körper denkt dann offenbar:
 
„Oh, wir haben gerade wichtigere Probleme als Grübeln.“
Nicht angenehm.
Aber wirksam.
So ähnlich wie Gemüse essen.
 
✵ Das Gedanken-Parkhaus
 
Wenn mein Kopf völlig überfüllt ist, schreibe ich alles auf.
 
Wirklich alles.
Unsortiert.
Chaotisch.
 
Manchmal sieht das Blatt danach aus, als hätte ein Huhn versucht, Tagebuch zu führen.
 
Aber das spielt keine Rolle.
Die Gedanken sind draußen!
 
Und was draußen auf Papier steht, kann nicht gleichzeitig mit voller Lautstärke im Kopf herumbrüllen.
 
 Alte Lieblingsserien als seelische Jogginghose
 
Manchmal brauche ich nichts Neues.
Manchmal brauche ich etwas Vertrautes.
 
Eine Serie, die ich schon zehnmal gesehen habe.
Einen Film, bei dem ich jede Szene kenne.
 
Warum?
 
Weil mein Gehirn in Krisen keine Überraschungen mag.
Vertraute Geschichten fühlen sich an wie eine warme Decke für die Seele.
Oder wie die berühmte Jogginghose nach einem anstrengenden Tag.
 
Nicht spektakulär.
Aber zuverlässig.
 
Und das gilt bei mir nicht nur für Serien und Filme.
 
 Alte Lieblingsbücher – bekannte Wege durch stürmische Zeiten
 
Auch Bücher dürfen ruhig zum zweiten, dritten oder zehnten Mal gelesen werden.
Manchmal brauche ich keine neue Geschichte.
Manchmal brauche ich eine, die mich schon einmal aufgefangen hat.
 
Ein Buch, das ich bereits kenne.
Eine Geschichte, deren Ende mich nicht überrascht.
Manche Bücher sind wie alte Freunde. Sie müssen nichts Neues erzählen, um gutzutun.
 
Wenn es mir schlecht geht, greife ich oft auf Bücher zurück, die ich schon gelesen habe. Ich kenne die Figuren, ich kenne die Handlung und ich weiß, dass hinter der nächsten Seite keine unangenehme Überraschung auf mich wartet.
Genau das macht sie so beruhigend.
 
Während mein eigenes Leben manchmal wirkt, als hätte jemand die Handlung spontan umgeschrieben, bleibt das Buch verlässlich. Die Geschichte verläuft genauso wie beim letzten Mal.
Manche Menschen haben eine Sicherheitsdecke. Ich habe Bücher mit abgegriffenen Ecken.
 
Und wenn ich ehrlich bin: Es gibt Tage, an denen mir die Gesellschaft vertrauter Romanfiguren deutlich sympathischer ist als die meines eigenen Gedankenkarussells oder anderer Mitmenschen.
 
 Kleine Spiele, große Wirkung – wenn bunte Steinchen die besseren Therapeuten sind
 
Manchmal braucht mein Gehirn keine tiefgründigen Erkenntnisse.
Manchmal braucht es einfach etwas zu tun.
 
Genau dann helfen mir einfache Spiele wie Mahjong, Candy Crush oder andere Denk- und Zuordnungsspiele.
Von außen betrachtet sieht das vielleicht nicht besonders beeindruckend aus. 
 
Da sitzt ein erwachsener Mensch und verschiebt bunte Bonbons, sortiert Kacheln oder sammelt Punkte. Aber ganz ehrlich? In einer emotionalen Krise ist mir völlig egal, wie das aussieht.
 
Der entscheidende Punkt ist: Mein Gehirn muss sich konzentrieren.
 
Wo passt dieser Stein hin?
Welcher Zug bringt die meisten Punkte?
Welche Kacheln gehören zusammen?
 
Während ich mich damit beschäftige, hat mein Gedankenkarussell plötzlich Konkurrenz. Es kann nicht mehr ungestört seine Dauerschleife fahren.
Es gibt Tage, da ist genau das der Unterschied zwischen zwei Stunden Grübeln und zwanzig Minuten Ruhe im Kopf.
 
Besonders schön finde ich, dass diese Spiele keine großen Anforderungen stellen. Niemand erwartet Höchstleistungen. Niemand bewertet mich. Niemand fragt nach meiner Stimmung.
 
Die bunten Steinchen haben erstaunlich wenig Interesse an meinen Problemen.
Und genau das macht sie manchmal zu ziemlich angenehmer Gesellschaft.
Und wenn ich dabei nebenbei noch einen virtuellen Rekord knacke, fühlt sich das deutlich besser an, als zum hundertsten Mal dieselbe Sorge durchzukauen.
 
 Die Erlaubnis, einen schlechten Tag zu haben
 
Das ist vermutlich der schwierigste Punkt.
Denn oft kämpfe ich nicht nur gegen meine Gefühle.
Ich kämpfe zusätzlich dagegen, dass ich diese Gefühle überhaupt habe.
 
Irgendwann habe ich gelernt:
 
Manche Tage sind einfach Mist.
Nicht jeder Tag muss produktiv sein.
Nicht jeder Tag muss ein persönlicher Wachstumsmarathon werden.
Manchmal besteht die Tagesaufgabe einfach darin, den Tag zu überstehen.
 
Und weißt du was?
 
Das reicht.
Wirklich.
 
 Ein ehrliches Wort zum Schluss
 
Diese Dinge lösen keine Probleme.
Sie ersetzen keine Therapie.
Sie zaubern keine Gefühle weg.
 
Aber sie helfen mir dabei, die Zeit zwischen „Alles ist zu viel“ und „Es geht wieder einigermaßen“ zu überbrücken.
 
Sie sind lediglich mein „Erste-Hilfe-Koffer“, wenn die Welt um mich herum zu laut wird, mein Kopf beschließt, sämtliche Sorgen gleichzeitig abzuspielen, oder meine traumatische Vergangenheit meint, sie müsse sich mal wieder ungefragt in die aktuelle Sendung einmischen.
 
 
 

Mittwoch, 3. Juni 2026

Mut zum Gespräch: Warum Borderline kein Grund für peinliches Schweigen ist.

 

Mut zum Gespräch: Warum Borderline kein Grund für peinliches Schweigen ist.



Borderline beim Kaffeeklatsch
 
Wie du deine Diagnose erklärst, ohne dass alle panisch nach dem Notausgang suchen.
 
Borderline.
Ein Wort, das bei vielen Menschen ungefähr dieselbe Reaktion auslöst wie ein plötzlich aufblinkendes Warnlämpchen im Auto. Erst Stille. Dann Unsicherheit. Und schließlich der unvermeidliche Expertentipp: "Hast du schon mal Yoga ausprobiert?"
 
Wenn du die Diagnose hast, kennst du das Spiel vermutlich. Du möchtest ehrlich sein, aber du hast wenig Lust auf mitleidige Blicke, die Rolle der ewigen Drama-Queen oder den Verdacht, du würdest andere manipulieren.
 
Die gute Nachricht: Du musst dich nicht rechtfertigen.
Du musst lediglich übersetzen.
 
Und einer der besten Übersetzer für emotionales Chaos ist eine gesunde Portion schwarzer Humor.
 
Hier kommt mein persönlicher Leitfaden für Gespräche über Borderline. Ohne Scham, ohne Selbstverteidigung und mit ausreichend Witz, um das Steuer selbst in der Hand zu behalten.
 
Die Technik-Erklärung: Mach es verständlich
 
Psychologische Fachbegriffe überfordern viele Menschen. Technikprobleme dagegen kennt jeder.
 
Mein Erklärungsversuch:
 
Stell dir vor, mein Gehirn ist ein Hochleistungsrechner. Die Hardware ist beeindruckend, aber das Betriebssystem wurde offenbar von einem übermüdeten Praktikanten programmiert, der sich ausschließlich von Energydrinks ernährt hat.
Meistens läuft alles wunderbar. Und dann friert das ganze System ein, weil irgendwo ein einziges zusätzliches Browserfenster geöffnet wurde.
Ich arbeite daran. Aber manchmal meldet mein Gehirn eben: "Schwerwiegender Fehler. Bitte starten Sie Ihr Leben neu.“
 
Der Lautstärkeregler ohne Begrenzung
 
Eines der größten Missverständnisse über Borderline lautet:
 
"Du übertreibst doch nur."
 
Nein.
 
Die Gefühle sind nicht größer, weil man sich dafür entscheidet. Sie sind größer, weil sie tatsächlich größer ankommen.
 
Meine Erklärung:
 
Die meisten Menschen erleben ihre Gefühle ungefähr auf Lautstärke vier.
Meine Gefühlsanlage hat beschlossen, dauerhaft auf elf zu laufen.
Wenn du mir eine kleine Kritik gibst, hört mein Gehirn manchmal das emotionale Äquivalent eines Presslufthammers direkt neben dem Ohr.
 
Nicht, weil ich Drama brauche.
Sondern weil mein innerer Lautstärkeregler offenbar nie mitgeliefert wurde.
 
Das persönliche Borderline-Kino
 
Selbstironie nimmt Gesprächen oft schneller die Spannung als jede psychologische Erklärung.
 
Mein Erklärungsversuch:
 
Mein Kopf produziert gelegentlich Filme.
Manchmal romantische Komödien.
Manchmal Katastrophenfilme.
Manchmal Horrorfilme.
 
Und manchmal einen dreistündigen Psychothriller, obwohl eigentlich nur jemand auf meine Nachricht noch nicht geantwortet hat.
Ich nenne das mein persönliches Borderline-Kino.
 
Die Handlung ist oft übertrieben, die Spezialeffekte beeindruckend und die Kritiken fallen hinterher meistens vernichtend aus.
 
Die Bedienungsanleitung für den Notfall
 
Menschen wollen oft helfen. Das Problem ist nur: Sie wissen meistens nicht wie.
Darum hilft eine kurze Bedienungsanleitung.
 
Fehlercode 404 – Gefühl vorübergehend nicht erreichbar!
 
Wenn ich mich zurückziehe oder plötzlich still werde, bedeutet das nicht automatisch, dass ich dich hasse. Nun gut – zumindest nicht dauerhaft. Meistens jedenfalls.
Mein System lädt gerade neu.
 
Bitte nicht hektisch auf alle Knöpfe drücken.
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht!
 
Sätze wie:
 
❃ „Beruhige dich doch.“
❃ „Denk einfach positiv.“
❃ „Mach dir nicht so viele Gedanken.“
 
wirken ungefähr so hilfreich wie der Hinweis „Werd doch einfach trocken“, wenn jemand im Regen steht.
 
Bringt lieber Tee.
Oder Schokolade.
Oder beides.
  
Der innere Rauchmelder
 
Wenn ich plötzlich anhänglich wirke oder ständig nachfrage, ob alles in Ordnung ist, dann arbeitet meist mein inneres Alarmsystem auf Hochtouren.
 
Es hält den Untergang der Zivilisation für wahrscheinlicher als die Möglichkeit, dass jemand einfach beschäftigt ist.
Eine Antwort nach drei Stunden? Mein Gehirn hat die Freundschaft bereits beerdigt, den Nachruf geschrieben und die Trauergäste eingeladen.
 
Ein einfaches:
Alles gut, ich melde mich später,
hilft oft mehr als eine einstündige Analyse der Situation.
 
Die Sache mit den Vorurteilen
 
Viele Menschen denken bei Borderline an Chaos, Konflikte und Drama.
Was sie dabei übersehen:
Menschen mit Borderline empfinden nicht nur Schmerz intensiver.
Sie erleben oft auch Nähe, Freude, Begeisterung, Kreativität, Humor und Mitgefühl mit derselben Intensität.
 
Die Lautstärke gilt schließlich für alles.
Nicht nur für die schwierigen Momente.
  
Zum Schluss: Danke für die Show
 
Borderline ist manchmal wie ein Feuerwerk in einem Kellerraum – beeindruckend, laut und rückblickend nicht unbedingt eine gute Idee.
 
Es eskaliert schneller als erwartet.
Es wird selten leise.
 
Und manchmal fragt man sich kurz, wer das eigentlich für eine gute Idee gehalten hat.
Aber langweilig wird es selten.
 
Wenn du bereit bist, mich auf diesem Weg zu begleiten, musst du nicht alles verstehen. Es reicht, wenn du neugierig bleibst und nicht beim ersten Looping aussteigst.
Danke, dass du da bist.
Auch dann, wenn mein Betriebssystem mal wieder ein ungeplantes Update installiert.
 
Ein letzter Gedanke
 
Erkläre deine Diagnose den Menschen, die dir wichtig sind.
Nicht, weil du ihnen eine Rechtfertigung schuldest.
Sondern weil Ehrlichkeit wichtig ist und Verständnis Beziehungen leichter macht.
 
Und falls jemand trotzdem mit Vorurteilen, Besserwisserei oder kompletter Ahnungslosigkeit reagiert?
Dann sagt das oft mehr über dessen Bereitschaft aus, Komplexität auszuhalten, als über dich.
 
Du bist nicht deine Diagnose.
Du bist ein Mensch mit einer Diagnose.
 
Und manchmal mit einem etwas übermotivierten Alarmsystem.
Behandle dich mit Humor, Geduld und Respekt.
 
Dein Gehirn ist vielleicht intensiv.
Aber Intensität ist nicht dasselbe wie Fehlerhaftigkeit.