Angst im Alltag – Teil 2: Mein Nervensystem auf Weltreise (Tour de Panik)
Im Auto – die mobile Katastrophe- hatten wir ja schon mal (leider)
Wir fahren also in den Urlaub.
Wie jedes Jahr. Ein- bis zweimal.
510 Kilometer. Inklusive Fähre über die Elbe.
Eigentlich Routine. Eigentlich.
Kaum ist der Motor an, meldet sich mein Gehirn mit der wichtigsten aller Fragen:
„Wo ist das nächste WC?“
Ich war vor fünf Minuten noch zu Hause.
Ich war zehnmal auf der Toilette.
Ich habe vorsorglich nichts getrunken. Gar nichts.
Wüstentauglich.
Und trotzdem: Mein Körper tut jetzt so, als hätte ich seit 1997 keinen Zugang mehr zu sanitären Anlagen gehabt.
Wir sind exakt 800 Meter gefahren.
Ich plane innerlich bereits, wie man notfalls am Seitenstreifen würdevoll verschwindet.
Urlaub beginnt eben im Kopf. Leider in meinem.
Autobahnauffahrt – Highspeed-Horror für Anfänger
Selber fahren? Schon lange nicht mehr.
Ne ne. Ohne mich.
Ich bin mittlerweile lieber Beifahrer.
Der, der panisch wird und dabei sehr hilfreich ruft:
„PASS AUF!“
„DER KOMMT SCHNELL!“
„WAS MACHST DU DA?!“
„FAHR NICHT ZU DICHT AUF, BREMSEN, BREMSEN, BREMSEN.
Autobahnauffahrt. Mein persönlicher Escape Room.
Blinker an. Gas.
LKW von links. LKW von rechts.
Mein Herz rast, mein Hirn ruft:
„Das war’s. Hier endet alles. Sag dem Fahrer, er soll ohne mich weiterfahren.“
Wir fahren auf die Autobahn.
Ich lebe noch.
Ich atme.
Puh, geschafft.
Zeit zu entspannen? Nein. Jetzt geht es erst richtig los.
Nanu… warum stirbt mein Bein gerade?
Plötzlich wird mein Bein taub. Eiskalt. Schmerzt.
Diagnose in meinem Kopf nach 0,3 Sekunden: Lebensgefährliche Thrombose. Mindestens. Vielleicht sogar sofortiger Tod.
Ich sehe mich innerlich schon in einer ZDF-Doku:
„37 Grad – meine persönliche Geschichte.“
Eine Drei-Sekunden-Momentaufnahme.
Ich sage mit brüchiger Stimme:
„Ich wollte doch nur in den Urlaub fahren.“
Dann die Erkenntnis: Ach nein. Nur das Gebläse. Eiskalte Luft direkt aufs Knie.
Mein Knie: Drama. Mein Gehirn: Oscar-reif.
Angekommen am Meer – der Leuchtturm
Stufe für Stufe Richtung Nervenzusammenbruch.
„Ach komm“, sagen sie.
„Der Ausblick ist toll.“
Steile Treppen hoch. Noch mehr Treppen. Eng. Stein. Kein Geländer, dem ich emotional vertrauen könnte.
Oben angekommen: Aussichtsplattform. Wind. Weite. Watt. Himmel. Kein Fluchtweg.
Mein Gehirn meldet:
„Was, wenn du einfach… runterkippst?“
Ich lächle gequält und klammere mich an meinen Partner wie ein Koala an seinen Lieblingsbaum.
Und denke: „Warum sind Menschen freiwillig höher als zwei Meter über dem Boden?“
Der Ausblick? Wunderschön. Wenn man ihn sehen könnte, ohne innerlich einen Notfallplan für Hubschrauberrettung zu entwickeln.
Die Erkenntnis, dass wir ja auch wieder die ganzen Treppen runter müssen, ist auch eher suboptimal und wenig hilfreich.
OP und die Narkose des Grauens
Eine Operation steht an.
Wach sein wäre ungünstig – da sind wir uns einig.
Also: Narkose.
Der Anästhesist lächelt. Zu freundlich. Viel zu freundlich.
„Wir nehmen Lachgas.“
Fehler. Großer Fehler.
Das Erwachen – oder: LSD-Trip für Kassenpatienten.
Ich wache auf. Oder eher: Ich kehre aus einer anderen Dimension zurück.
Ich sehe einen Atompilz. In unfassbar intensiven Farben. Pink. Grün. Blau. Picasso hätte geweint.
Im Türrahmen des Krankenhauses findet offenbar ein Massenmord statt. Oder eine sehr kreative Theaterprobe. Ich bin mir nicht sicher.
Ich denke: „Aha. So fühlt sich Wahnsinn an.“
Kein LSD-Trip könnte bunter, absurder und beängstigender sein. Mein Gehirn hat einfach beschlossen, Kunst zu machen. Leider Horror.
Im Kino – freiwilliger Horrortrip
Ein guter Film hat mich reingelockt.
Wie eine Motte ins Licht. Oder wie jemand mit Höhenangst auf einen Leuchtturm.
Ich sitze da. Dunkel. Viele Menschen. Keine schnelle Flucht.
Und dann der Gedanke:
„Wie peinlich wäre es eigentlich, ausgerechnet während eines Horrorfilms den Löffel abzugeben?“
Die Leute würden denken: „Krass, der Film war echt heftig.“
Nein. Der Film war okay. Mein Nervensystem hat nur komplett überreagiert.
Horrorfilm – die beste Wahl für jemanden mit Panik.
Eine pädagogisch wertvolle Erfahrung für meine Angst.
Der Supermarkt – ohne geht ja nicht. Hungertod ist auch keine Lösung
Schon am Eingang: Zu viele Menschen. Zu wenig Platz.
Einkaufswagen, die völlig überraschend stehen bleiben – als hätten sie gerade eine existenzielle Krise.
Jemand rückt mir zu nah auf.
Jemand rammt mir seinen Wagen in die Hacken.
Ein anderer bleibt mitten im Gang stehen und überlegt ausführlich, welches Mehl sein Lebenswerk vollendet.
Ich stehe dahinter. Gefangen. Mit Nudeln.
Mein Körper: Alarmstufe Rot. Herzrasen. Atemnot.
Eine explosive Mischung aus Fluchtreflex und innerer Aggression.
Mein Kopf sagt: „Wir müssen hier raus. Sofort.“
Der Wutkobold meldet sich auch. Er ist klein, sehr emotional und hält sich grundsätzlich für handlungsfähiger als ich.
Er kommentiert ungefiltert, hat keinerlei Interesse an Deeskalation und schlägt gedanklich sehr drastische, gesellschaftlich leider nicht akzeptierte Lösungen vor.
Ich atme tief durch. Ich bleibe. Ich kaufe ein. Regal für Regal. Jeder Griff ein Akt der Tapferkeit.
Und dann… die Kasse.
Supermarkt-Kasse – der Klassiker mit Nervenkitzel
Ich stelle mich an. Vor mir: drei Personen.
Mein innerer Kommentar: „Okay. Das schaffst du.“
Die erste Person vor mir zählt ihre Münzen – einzeln. Parallel sucht sie noch die Payback-App.
Mein innerer Kommentar: „Perfekt. Alles läuft nach Plan… nicht.“
Plötzlich springt die Kassiererin auf wie ein wildes Kastenteufelchen und rennt davon, weil an einem Produkt der Preis fehlt.
Mein innerer Kommentar: „Natürlich. Warum nicht?“
Mir wird warm. Mein Herz klopft. Kurz überlege ich, die Einkäufe einfach stehenzulassen und ein neues Leben zu beginnen.
Vielleicht in einem Land, wo Regeln existieren und Münzen automatisch sortiert werden. Oder in einem Land mit Teleportation direkt nach Hause. Wäre auch nett.
Aber nein. Ich bleibe. Wie ein Held. Mit Käse. Und Brot.
Fahrstuhl – der gläserne Albtraum
Einsteigen geht noch. Türen zu.
Mein Gehirn meldet sofort: „Was, wenn er jetzt stecken bleibt?“
Ich rechne durch, wie lange ich ohne Sauerstoff überlebe. Es sind erstaunlich wenige Sekunden.
Die Aufzugmusik beginnt. Entspannende Harfe?
Mein innerer Kommentar: „Perfekt. Genau der richtige Soundtrack für das Ende.“
Jemand drückt den Knopf für jedes Stockwerk. Mehrfach. Wiederholt.
Mein innerer Kommentar: „Sehr clever. Je öfter du drückst, desto schneller… passiert… gar nichts.“
Moment mal… warum hat der Fahrstuhl eigentlich Glasfenster auf drei Seiten?
Damit man sieht, wie tief man theoretisch fallen könnte?
Ich starre in die Tiefe, während mein Magen Luftsprünge macht. Ja, Höhen sind definitiv nicht mein Ding.
Die Türen öffnen sich endlich – im richtigen Stockwerk. Ich atme tief durch und trete hinaus, als hätte ich gerade ein Survival-Abenteuer überlebt.
Mein innerer Kommentar: „Nie wieder. Nächstes Mal Treppe. 100 Stockwerke. Egal.“
Rolltreppen – auch keine Lösung
Die erste Rolltreppe. Noch niedrig. Fast harmlos.
Mein innerer Kommentar: „Okay, das geht noch. Beim dritten Versuch stehe ich auf der ersten Stufe, es geht aufwärts. Kein Drama.“
Die zweite Rolltreppe. Höher. Länger. Gefährlicher.
Ich trete auf die erste Stufe – und sofort meldet sich mein Gehirn:
„Das schaffst du nicht! Du wirst fallen! Du wirst rückwärts rollen und mitten im Menschenstrom aufschlagen!“
Zweiter Versuch: Mein Fuß zuckt zurück.
Mein Partner steht bereits auf der Treppe, fährt ruhig und gelassen wie ein Profi nach oben und wirft mir einen Blick zu, der sagt: „Na, kommst du auch?“
Atemlos rufe ich hinterher: „Ich nehme den Fahrstuhl!“
Dann korrigiere ich panisch: „Nein, besser doch die Rolltreppe… vielleicht seitwärts… oder rückwärts… nein, vorwärts, ganz normal… Moment, ich überlege es mir noch einmal!“
Passanten lächeln oder starren. Ich stelle mir vor, sie denken: „Ah ja, sie kämpft mit dem Hightech-Transportgerät.“
Am Ende habe ich es geschafft. Ich stehe zitternd wie ein Minion nach drei Tassen Espresso auf der ersten Stufe, schließe die Augen und schwebe – mit zusammengebissenen Zähnen und hochrotem Kopf – meinem Partner entgegen.
Und in diesem Moment schwöre ich mir: „Beim nächsten Mal… bleibe ich einfach beim Fahrstuhl. Oder ich bringe ein Sicherheitsnetz mit.“
Restaurantbesuch – soziale Panik-Edition
Ich betrete das Restaurant. Die Menschen sind das Problem. So viele Augen. So viele potenzielle Zeugen.
Mein Gehirn flüstert sofort: „Was, wenn du genau hier stirbst? Zwischen Vorspeise und Hauptgang. Öffentlich. Mit Publikum.“
Ich setze mich. Mein Herz klopft so laut, dass ich überzeugt bin, der Nachbartisch hört es mit.
Mein Körper beginnt geheime Krisensitzungen abzuhalten: Ist das Panik? Ein medizinischer Notfall? Oder dieser eine ungebetene Mini-Notfall, der unbedingt Aufmerksamkeit möchte?
Mein Gehirn entscheidet: „Alles gleichzeitig. Und bitte sofort.“
Ich sitze da, lächle höflich und führe innerlich einen Hochrisiko-Dialog mit mir selbst.
Jeder Moment fühlt sich an wie ein Mini-Thriller, jede Minute bringt ein neues Worst-Case-Szenario hervor.
„Bleib ruhig“, denke ICH. Mein Körper denkt: „Oder wir eskalieren auf unsere eigene dramatische Art.“
Am Ende passiert – nichts.
Krass. Wieder überlebt. Und niemand hat etwas gemerkt.
Telefonieren mit der Bürokratie-Bestie
Ich wähle die Nummer, und sofort erhebt sich in meinem Kopf ein episches Orchester der Panik.
Am anderen Ende erklingt zunächst die Ansage: „Bitte warten Sie, alle Leitungen sind zur Zeit besetzt.“
Dann beginnt die Musik der Warteschleife – monoton, endlos, jeder Ton ein kleiner Trommelschlag auf mein Nervenkostüm.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Anspannung und Panik ausreichend Zeit hatten, sich aufzubauen, meldet sich endlich die Stimme des „Papierkrieg-Kommandanten“ – freundlich, aber mit der Durchschlagskraft eines Katapults.
Jede meiner Antworten fühlt sich an wie ein riskantes Manöver in einem Actionfilm: ein falsches Wort, und BÄM – das Formular explodiert (natürlich nur in meiner Vorstellung).
Nach 15 Minuten lege ich auf, mein Herz pumpt wie ein Hochgeschwindigkeitszug, und ich fühle mich wie ein Held, der gerade einen Drachen besiegt hat… der Drachen heißt Bürokratie.
Angst im Kopf, Oscar für den Mut
Eine kleine Angstreise im Alltag abgeschlossen
Treppen bestiegen, Fahrstühle bezwungen, Supermärkte überlebt, Lachgas getrotzt.
Kein Unfall – nur ich und mein innerer Panikmanager, der erleichtert in den Pausenmodus schaltet.
Oscar für das beste dramatische Gehirn in einer Nebenrolle namens Überleben.