Oder: Warum Reden manchmal mehr bringt als drei Ratgeber und ein Spaziergang
Therapie ist eines dieser Themen, bei denen viele sofort ein sehr konkretes Bild im Kopf haben.
Meist sieht es ungefähr so aus: gedämpftes Licht, ein Sofa, ein Notizblock – und jemand, der bedeutungsvoll nickt.
Zeit also, ein paar hartnäckige Mythen freundlich, aber bestimmt aus dem Weg zu räumen.
Das berühmte Filmszenario:
Du liegst auf einem Sofa (wahlweise Samt oder Leder), während deine Therapeutin mit ruhiger Stimme fragt:
„Aha … und was hat das mit Ihnen gemacht?“
Du nickst nachdenklich, während irgendwo im Hintergrund imaginär ein Schwarz-Weiß-Rückblick deiner Kindheit startet.
Natürlich kann die Vergangenheit eine Rolle spielen.
Aber Therapie ist kein nostalgischer Rundgang durch die frühen Jahre und auch kein Pflichtprogramm „Kindheit einmal komplett aufarbeiten“.
In der Realität sitzen die meisten Menschen auf ganz normalen Stühlen.
Manchmal sogar auf welchen, die leicht knarzen.
Nicht ganz so glamourös wie im Film.
Es stimmt: Manche Therapieformen – vor allem tiefenpsychologische Ansätze – fragen nach der Vergangenheit. Aber der Sinn dahinter ist nicht, in Kindheitserinnerungen zu schwelgen, sondern die Ursachen für bestimmte Verhaltensweisen oder Denkmuster zu verstehen.
Es geht weniger darum, alte Geschichten zu wiederholen und mehr darum, den „Warum“-Faktor zu begreifen – warum bestimmte Dinge heute so schwierig sind.
Und auch wenn viele Therapien der Vergangenheit Aufmerksamkeit schenken, steht das Heute immer im Fokus:
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Gedanken, die sich immer wieder im Kreis drehen
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Gefühle, die entweder zu laut oder zu leise sind
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Muster, die sich ständig wiederholen
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Situationen, die regelmäßig Stress auslösen
Manchmal redet man viel.
Manchmal schweigt man gemeinsam.
Manchmal fällt ein Satz, der plötzlich Klarheit bringt.
Therapie ist also weniger
„Warum war das früher so?“
und mehr
„Was kann ich heute tun, damit es sich besser anfühlt?“
Dieser Mythos hält sich wirklich hartnäckig.
Fast so, als bekäme man einen inneren Stempel mit der Aufschrift:
„Therapie erst betreten, wenn alles brennt.“
Viele denken dann:
„So schlimm ist es noch nicht.“
„Andere haben es bestimmt schlimmer.“
„Ich halte das schon irgendwie aus.“
Dabei wird oft übersehen:
Dauerhaftes Aushalten ist kein Zeichen von Stärke –
sondern meist einfach sehr anstrengend.
Was viele nicht wissen:
Therapie ist kein Zaubertrick, bei dem man plötzlich alles versteht. Sie ist eher ein langsamer Prozess, bei dem sich oft erst nach und nach die Puzzleteile zusammenfügen. Es geht nicht nur darum, in die Vergangenheit zu blicken, sondern darum, gelerntes Verhalten und alte Muster zu erkennen, die oft gar nicht mehr sinnvoll sind.
Was man nicht sofort sieht, sind die kleinen Fortschritte:
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Der Moment, in dem du zum ersten Mal einen schwierigen Gedanken einfach nur akzeptierst, ohne dich davon überwältigen zu lassen.
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Das Gefühl, nach einer schwierigen Woche trotzdem wieder mit einem Lächeln auf den Tag zu schauen.
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Der Augenblick, in dem du einen Konflikt zum ersten Mal ganz anders angehst – ohne in alte Muster zurückzufallen.
Therapeuten sind keine Lebens-Coaches mit Trillerpfeife.
Sie geben keine Befehle und verteilen keine Noten.
Therapie ist Zusammenarbeit.
Es ist nicht immer der schnelle Weg zur Erleuchtung, aber sie bietet dir eine Art „mentales Werkzeug“, das sich mit der Zeit immer stärker anfühlt.
Und wie geht man jetzt mit Therapie um? Was kann helfen? Ganz einfach:
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Geduld haben – mit sich selbst und mit dem Prozess.
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Akzeptanz, dass es nicht immer schnelle Lösungen gibt, sondern oft kleine Schritte.
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Offenheit, um neue Wege zu finden, auch wenn sie ungewohnt erscheinen.
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Vertrauen in den Prozess, dass es nicht darum geht, in der Vergangenheit zu leben, sondern Veränderungen im Jetzt zu ermöglichen.
Und das Wichtigste:
Niemand ist „kaputt“, weil er Therapie braucht.
Therapie ist kein „Warten auf den Moment, wo es wieder gut wird“, sondern ein langfristiger Schritt, das Leben selbstbestimmter und leichter zu machen.
Therapie ist kein Sofa-Mythos, sondern eine ernsthafte Möglichkeit, das eigene Leben besser zu verstehen und den Weg zu mehr Leichtigkeit zu finden.
Manchmal hilft es einfach, mit jemandem zu sprechen, der einem hilft, die Gedanken zu sortieren und mutig in die eigene Veränderung zu gehen.
Es ist ein Prozess – und der ist genauso individuell wie du selbst.

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