Warum ist Wut in unserer Gesellschaft so verpönt? – ein persönlicher Blick
Wut ist eines dieser Gefühle, über die man selten offen spricht. Freude? Immer willkommen. Trauer? Wird akzeptiert. Angst? Verständlich.
Aber Wut? Da zucken viele zusammen. Man soll „ruhig bleiben“, „vernünftig reagieren“, „nicht so übertreiben“. Schon als Kind lernen viele von uns, dass Wut etwas ist, das man besser runterschluckt.
Dabei
ist Wut ein völlig normales, menschliches Gefühl. Eigentlich sogar
ein ziemlich hilfreiches.
Wut
ist kein schlechtes Gefühl
Viele
glauben, Wut sei automatisch etwas Negatives. Aber das stimmt nicht.
Wut ist Energie. Wut zeigt: Hier stimmt etwas für mich nicht. Wut kann uns Mut geben, wenn wir uns eigentlich ohnmächtig fühlen. Sie kann Angst dämpfen und klarer machen, was wir brauchen.
Manchmal ist Wut die einzige innere Stimme, die noch laut genug ruft, wenn alles andere schon verstummt ist.
Warum
wir sie trotzdem verstecken?!
Wir
leben in einer Gesellschaft, in der „funktionieren“ wichtiger zu
sein scheint als „fühlen“.
Wut
passt da nicht rein. Sie ist unbequem, laut, ehrlich.
Viele von uns haben gelernt:
Wut macht Ärger.
Wut macht uns unsympathisch.
Wut könnte Beziehungen ruinieren.
Also versuchen wir, sie zu kontrollieren. Zu schlucken. Zu überspielen.Doch manchmal frisst sie sich dann nach innen - und tut dort viel mehr weh.
Was Wut uns eigentlich sagen will:
Wut zeigt, wo unsere Grenzen liegen.
Wut zeigt, was uns wichtig ist.
Wut zeigt, wo wir uns selbst verloren haben.
Sie ist wie ein innere Warnlampe:
„Hey, hier stimmt was nicht. Hör mir zu.“
Wenn wir das ignorieren, verlieren wir nicht die Wut - wir verlieren uns selbst.
Borderline und Wut – ein besonders sensibles Thema
Menschen mit Borderline erleben Gefühle oft intensiver. Nicht, weil sie „übertreiben“, sondern weil ihr Nervensystem schneller und stärker reagiert. Das bedeutet:
Wut kommt oft plötzlich und heftig.
Sie fühlt sich manchmal überwältigend an.
Sie kann Angst machen — sowohl der Person selbst als auch anderen.
Viele Borderliner haben in ihrem Leben immer wieder gehört:
„Du bist zu extrem.“
„Du tust schon wieder zu viel.“
„Reiß dich zusammen.“
Mit solchen Botschaften lernt man nicht, mit Wut umzugehen- man lernt nur, sich für sie zu schämen.
Dabei steckt hinter der Wut oft etwas sehr Weiches:
Verletzung.
Überforderung.
Sehnsucht nach Sicherheit.
Angst vor Nähe oder Verlust.
Für viele ist Wut ein Ausdruck von Schmerz, den sie anders nicht zeigen durften.
Wut verdient Raum- und Mitgefühl
Wut muss nicht zerstörerisch sein. Sie kann ehrlich sein. Heilsam. Klar.
Sie braucht nur etwas, das wir uns selten geben:
Erlaubnis.
Einen sicheren Ort.
Ein Gegenüber, das nicht wegrennt.
Wenn
Wut ausgesprochen werden darf, bevor sie explodiert, wird sie weich.
Verständlich.
Sie
verliert ihren Schrecken.
Wut
ist menschlich – und sie gehört zu uns
Wut
ist kein Monster, das man einsperren muss.
Sie
ist ein Gefühl, das gesehen werden will.
Ein Teil von uns, der sagt: „Ich zähle. Meine Grenzen zählen.“
Gerade
für Menschen mit Borderline ist Wut oft eng verwoben mit alten
Verletzungen. Aber sie ist auch eine Chance:
eine
Einladung, sich selbst besser zu verstehen und für sich einzustehen.
Wenn
wir anfangen, Wut nicht zu verurteilen, sondern zuzuhören, merken
wir:
Sie ist nicht unser Feind.
Sie ist unsere innere Stimme, die uns
erinnert, dass wir lebendig sind.

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