Borderline und der Kampf mit dem Perfektionismus
Perfektionismus ist etwas, das viele nicht sofort mit Borderline in Verbindung bringen. Für mich jedoch ist er ein ständiger Begleiter — manchmal wie ein Motor, oft wie ein Schatten, der mir schwer im Nacken sitzt.
Ich versuche so oft, alles richtig zu machen.
Nicht, weil ich besser sein möchte als andere,
sondern weil ich Angst habe, Fehler könnten mich „entlarven“:
als ungenügend, als zu viel, als nicht liebenswert — oder wie in meiner Kindheit — als jemand, der für Fehler bestraft wird, für den Anerkennung und Lob unerreichbar war.
In mir lebt dieses tiefe Gefühl, dass ein kleiner Fehler groß genug sein könnte, um alles ins Wanken zu bringen: Beziehungen, Vertrauen, mein Selbstwertgefühl. Ein falsch gesetztes Wort, ein Missverständnis, eine vergessene Kleinigkeit, und plötzlich fühlt es sich an, als wäre ich gescheitert. Nicht an der Aufgabe — sondern an mir selbst.
Doch Perfektionismus erschöpft.
Er nimmt mir den Raum zum Atmen.
Er verhindert Entwicklung und sabotiert jedes bisschen Selbstmitgefühl.
Mein Perfektionismus ist oft kein Ehrgeiz, sondern ein Schutzmechanismus:
Wenn ich perfekt bin, kann mich niemand verletzen.
Wenn ich alles richtig mache, werde ich vielleicht nicht verlassen.
Wenn ich stark wirke, sieht niemand, wie zerbrechlich ich mich manchmal fühle.
Aber dieser Anspruch hat seinen Preis.
Ich setze mich unter Druck, bis ich kaum noch atmen kann.
Ich vergleiche mich mit anderen und verliere jedes Mal.
Ich verliere mich in Details, bis ich den Überblick verliere.
Ich bin niemals wirklich zufrieden mit meinen Ergebnissen und werte meine eigene Leistung ab.
Und wenn etwas nicht gelingt, stürze ich emotional oft tiefer, als es die Situation rechtfertigen würde — aber für mich fühlt es sich existenziell an.
Perfektionismus gibt mir für einen Moment Sicherheit,
doch langfristig nimmt er mir genau das, wonach ich mich sehne:
Ruhe, Selbstvertrauen, Leichtigkeit, Erfolg, Selbstzufriedenheit.
Fehler als menschlich zu akzeptieren, kleine Schritte wertzuschätzen und den Unterschied zwischen Leistung und eigenem Wert zu erkennen — all das fällt unfassbar schwer.
Menschen mit Borderline sind nicht perfektionistisch, weil sie „übertrieben“ sind, sondern weil sie gelernt haben, dass Fehler gefährlich sein können.
Je stabiler und selbstverständlicher der eigene Wert wieder wird, desto leiser wird mit der Zeit auch dieser innere Druck.
Und genau darin liegt die Hoffnung:
Perfektion ist nicht der Weg zur Sicherheit.
Aber Selbstmitgefühl ist der Weg zur Freiheit.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen