Donnerstag, 20. November 2025

Missverstanden und eingeordnet

 

Schubladen und der Alltag mit Borderline

Schubladen und der Alltag mit Borderline 
 
Es gibt kaum eine Diagnose, die so viele Vorurteile hervorruft wie Borderline. Kaum ausgesprochen, scheint sie für manche Menschen zu einem Etikett zu werden, das alles erklärt, alles bewertet und alles reduziert.
 
Als würde ein einziger Begriff ausreichen, um die Tiefe, die Widersprüche und die Menschlichkeit einer Person zu begreifen.
Oft wird nicht der Mensch gesehen, sondern nur die Diagnose. Das Wort Borderline wird für manche zu einem Etikett, das sie über alles kleben: über meine Gesten, über meine Stimme, über meine Geschichte. 
 
Vorurteile, die sich wie kalte Stempel anfühlen und viel weniger über die betroffene Person aussagen als über die Unwissenheit und Angst derer, die sie verwenden.
Ich habe oft das Gefühl, dass meine Diagnose schneller spricht als ich selbst. Kaum fällt das Wort Borderline, öffnen sich in den Köpfen anderer sofort Schubladen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren.
 
Manchmal betrete ich einen Raum und habe das Gefühl, mein Name kommt erst an zweiter Stelle — nach dem Etikett, das andere für mich bereithalten.
Viele sehen nicht mich, sondern die Vorstellung einer Diagnose, über die sie irgendwo gehört oder gelesen haben:
zu emotional, instabil, manipulativ, schwierig.
 Worte, die sich wie kalte Schatten auf meine Haut legen, obwohl sie so wenig mit meinem tatsächlichen Leben zu tun haben.
 
Was niemand sieht: Wie viel Kraft es kostet, Gefühle auszuhalten, die lauter sind als jeder Lärm draußen. Wie oft ich schweige, damit niemand denkt, ich übertreibe. Wie viele meiner Reaktionen in Wahrheit Versuche sind, Nähe zu halten, ohne mich selbst zu verlieren.
Der Alltag fühlt sich manchmal an wie ein ständiges Balancieren — zwischen dem Wunsch, verstanden zu werden, und der Angst, wieder in eine Schublade gesteckt zu werden.
 
Wenn ich stark bin, heißt es: „Sie wirkt ja ganz stabil.“
Wenn ich schwach bin, heißt es: „Klar, typisch Borderline.“
Es scheint, als würde mein Verhalten nie einfach menschlich sein — immer erklärbar, immer verdächtig, immer kommentierbar.
 
Dabei bin ich nicht unberechenbar.
Ich bin nur jemand, der die Welt intensiver spürt — Licht und Schatten gleichermaßen.
Ich reagiere nicht „über“, ich reagiere tief.
Und manchmal sieht man nur die Oberfläche, nicht die Geschichte dahinter.
Ich wünschte, Menschen würden verstehen, dass Borderline nicht bedeutet, dass ich in eine Kategorie passe.
 
Es bedeutet, dass ich Grenzen spüre wie dünnes Glas, dass Nähe für mich gleichzeitig Trost und Angst bedeutet und dass ich täglich neu lernen muss, mich selbst zu halten.
Was mich durch all das trägt, ist nicht das Urteil anderer, sondern mein eigener leiser Mut.
 
Der Mut, mich jeden Tag wieder der Welt zu zeigen, die mich viel zu oft vorschnell einordnet.
Der Mut, mich nicht aufzugeben, obwohl ich weiß, wie schwer ich manchmal zu verstehen bin.
Ich bin nicht nur eine Diagnose.
 
Ich bin ein Mensch — widersprüchlich, empfindsam, chaotisch, stark.
Und wenn man mich wirklich sehen will, dann muss man bereit sein, die Schubladen geschlossen zu lassen.
Zuzuhören.
Zu verstehen.
 
Und mich als das wahrzunehmen, was ich immer war:
ein Mensch, nicht ein Etikett.

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