Mythos vs. Fakten Bipolare Störung

Oder: Warum „mal gut drauf, mal schlecht drauf“ die Sache nicht mal ansatzweise trifft.

Oder: Warum „mal gut drauf, mal schlecht drauf“ die Sache nicht mal ansatzweise trifft.
 
Die bipolare Störung gehört zu diesen Diagnosen, bei denen viele sofort ein sehr klares Bild im Kopf haben.
Meist sieht es ungefähr so aus:
ein Mensch, der heute euphorisch Pläne schmiedet, morgen weinend im Bett liegt – und irgendwo dazwischen dramatisch mit den Armen fuchtelt.
 
Zeit also, ein paar hartnäckige Mythen freundlich, aber bestimmt aus dem Weg zu räumen.
 
Der Mythos: „Bipolar heißt, man ist ständig extrem drauf.“
 
Das gängige Kopfkino:
Heute manisch – laut, schnell, kreativ, kaum Schlaf.
Morgen depressiv – traurig, antriebslos, nichts geht mehr.
Und das bitte im täglichen Wechsel, wie ein schlecht programmierter Lichtschalter.
  • Sehr dramatisch.
  • Sehr filmreif
  • Sehr falsch
Natürlich gibt es manische und depressive Phasen.
Aber sie wechseln nicht im Stundentakt, nicht bei jeder Kleinigkeit und schon gar nicht, weil jemand das falsche Emoji geschickt hat.
 
Der Fakt: Bipolare Störung bedeutet Phasen – und viel dazwischen
 
Bipolare Störung ist eine phasenhafte Erkrankung. 
Diese Phasen können Wochen, Monate oder länger dauern.
Und zwischen diesen Phasen?
Ganz viel normales Leben.
  • Einkaufen.
  • Arbeiten.
  • Lachen.
  • Zweifeln.
  • Kaffee trinken und vergessen, wo man den Schlüssel hingelegt hat.
Also Dinge, die auch Menschen ohne Diagnose tun.
 
Der Mythos: „Manische Phasen sind doch eigentlich super.“
 
Ein Mythos mit Glitzer.
Von außen wirkt Manie oft:
  • energiegeladen
  • kreativ
  • selbstbewusst
  • produktiv
Von innen fühlt sie sich aber häufig an wie:
  • zu schnell
  • zu laut
  • zu wenig Schlaf
  • zu viele Gedanken
  • zu wenig Bremse
Der Fakt: Manie ist nicht nur Hochgefühl, sondern Kontrollverlust
 
In manischen Phasen können Menschen:
  • Grenzen überschreiten
  • Risiken eingehen
  •  mehr Geld ausgeben, als sie haben
  •  weniger schlafen, als ihr Körper verkraftet
  •  Entscheidungen treffen, die später sehr schwer wiegen
Das „Hoch“ hat oft einen Preis.
Und der wird meist nach der Phase bezahlt.
 
Der Mythos: „Depressive Phasen sind einfach schlechte Laune.“
 
Dieser Mythos ist leise, aber hartnäckig.
Schlechte Laune:
geht mit Schokolade, Schlaf oder einem guten Gespräch vorbei.
Depression:
bleibt.
zieht Kraft ab.
verändert Denken, Fühlen und Wahrnehmen.
 
Der Fakt: Depression ist kein Mangel an Motivation, sondern an Energie
 
Depressive Phasen sind nicht:
„Ich will nicht.“
Sondern eher:
„Ich kann gerade nicht.“
Alltägliche Dinge fühlen sich plötzlich an wie Bergsteigen ohne Sauerstoff:
  • aufstehen
  •  antworten
  •  entscheiden
  •  fühlen
Das hat nichts mit Faulheit zu tun.
Sondern alles mit einer ernstzunehmenden Erkrankung.
 
Der Mythos: „Menschen mit bipolarer Störung sind unberechenbar.“
 
Oft schwingt hier Angst mit.
Oder das Gefühl: „Man weiß nie, was als Nächstes passiert.“
 
Der Fakt: Unberechenbar ist eher das Vorurteil
 
Viele Betroffene kennen ihre Muster sehr genau.
Sie lernen Warnzeichen zu erkennen, mit Unterstützung umzugehen und Stabilität aufzubauen.
Mit Behandlung, Struktur und Begleitung führen viele Menschen mit bipolarer Störung ein stabiles, erfülltes Leben.
Die größte Unsicherheit entsteht meist nicht durch die Erkrankung – sondern durch Unwissen darüber.
 
Der Mythos: „Medikamente machen dich zu jemand anderem.“
 
Die Sorge:
  • keine Gefühle mehr
  • keine Kreativität
  •  keine Persönlichkeit
Der Fakt: Ziel ist Stabilität, nicht Auslöschung
 
Gut eingestellte Medikamente sollen nicht „alles platt machen“,
sondern Extreme abfedern.
Nicht weniger Mensch sein.
Sondern mehr handlungsfähig.
Und ja – das braucht manchmal Geduld, Anpassung und ehrliche Gespräche.
Aber es geht um Lebensqualität, nicht um Anpassung an ein graues Mittelmaß.
 
Zum Mit-nach-Hause-nehmen
 
Bipolare Störung ist kein Charakterfehler, kein Drama-Abo und kein Etikett für „zu viel“.
 
Sie ist eine psychische Erkrankung.
Komplex.
Behandelbar.
 
Und kein Grund, sich zu schämen.
Menschen mit bipolarer Störung sind nicht ihre Phasen.
Sie sind Menschen mit Phasen.
 
Und die verdienen Verständnis –
nicht Mythen.
 
 
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen