Angst ist ein faszinierendes Gefühl. Sie schützt uns vor Gefahren, motiviert uns zu Vorsicht und hält uns davon ab, dumme Entscheidungen zu treffen – wie etwa um drei Uhr morgens eine komplette Küchenschublade auszuräumen, um „nur kurz etwas zu suchen“. Angst ist normal. Angststörungen hingegen werden oft völlig falsch verstanden.
In dieser Episode schauen wir uns einen weiteren weit verbreiteten Mythos an, der Betroffenen das Leben schwerer macht, als es ohnehin schon ist.
Viele Menschen setzen Angststörungen mit „nervös sein“ oder „ein bisschen empfindlich“ gleich.
Der Mythos lautet in etwa:
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„Der/Die ist halt schnell aufgeregt.“
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„Ist doch normal, dass man nervös ist.“
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„Ich hab auch manchmal Herzklopfen – so schlimm kann’s nicht sein.“
Hinter solchen Aussagen steckt meistens kein böser Wille. Aber sie verkennen, wie intensiv, belastend und komplex Angststörungen sein können.
Denn es gibt einen riesigen Unterschied zwischen:
- normaler Angst und
- einer Angststörung, die sich verselbstständigt und den Alltag steuert.
Der Fakt: Angststörungen können das Leben massiv beeinflussen
Eine Angststörung ist keine Charaktereigenschaft. Sie ist keine „Übervorsicht“ und erst recht kein Zeichen von Schwäche.
Sie ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, bei der Angstreaktionen so stark, so häufig oder so unkontrollierbar werden können, dass sie den Alltag prägen.
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„Mein Körper schaltet auf Alarm, obwohl gar keine Gefahr da ist.“
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„Ich weiß, dass es irrational ist – aber es fühlt sich real an.“
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„Ich habe nicht Angst vor etwas, sondern Angst vor der Angst.“
Und das kann sich in vielen Formen zeigen: Panikattacken, übersteigerte Sorgen, starke körperliche Reaktionen, ständiges Grübeln oder Vermeidungsverhalten.
Warum dieser Mythos problematisch ist
Er trivialisiert echte Belastung
Wer glaubt, es gehe nur um Nervosität, unterschätzt die Intensität der Symptome.
Er lässt Betroffene „theatralisch“ oder „übertrieben“ wirken
Dabei kämpfen sie oft mit inneren Reaktionen, die sie weder gewollt haben noch kontrollieren können.
Er sorgt dafür, dass Menschen sich nicht ernst genommen fühlen
Und genau das erhöht Scham, Rückzug und Isolation.
Menschen mit Angststörungen wirken nach außen häufig ganz normal – humorvoll, organisiert, leistungsfähig, sozial.
Was man nicht sieht, sind:
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die inneren Erschöpfungskämpfe
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das ständige Planen, um „Angstfallen“ zu vermeiden
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die Angst vor Kontrollverlust
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die schlaflosen Nächte
Angststörungen sind wie ein Feueralarm, der ständig losgeht – selbst wenn kein Rauch da ist.
Was hilft im Umgang mit Betroffenen?
Man muss keine tiefenpsychologischen Vorlesungen halten, um unterstützend zu sein.
Oft reichen:
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Geduld statt Druck
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Nachfragen, ob man etwas tun kann
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Akzeptanz, dass die Gefühle real sind
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Respekt, auch wenn man es selbst nicht nachvollziehen kann
Und das Wichtigste:
Man sollte nie sagen „Das ist doch nicht schlimm“ – denn für die betroffene Person fühlt es sich schlimm an.
Zum Mit-nach-Hause-nehmen
Angststörungen sind nicht Schüchternheit, keine Übertreibung und erst recht keine Charakterfrage.
Sie sind echte, belastende Erfahrungen – und sie verdienen Respekt, Verständnis und manchmal ein bisschen Humor, damit man überhaupt darüber reden kann.
Je mehr wir Mythen entzaubern, desto weniger Raum bleibt für Vorurteile.
Und desto leichter wird’s für alle, offen miteinander umzugehen.

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