Wenn psychisch kranke Menschen plötzlich auch noch um ihre Existenz kämpfen müssen
⧫ Ich schreibe das nicht als Politikerin. Nicht als Expertin. Ich schreibe das als Mensch, der mit einer psychischen Erkrankung lebt.
Ich bin Borderline-Betroffene. Für viele ist dieses Wort nur eine Diagnose auf einem Papier. Für mich bedeutet es tägliche Arbeit an mir selbst. Es bedeutet, mit starken Emotionen, Ängsten, inneren Kämpfen und Belastungen zu leben, die andere oft nicht sehen können. Es bedeutet nicht, „dramatisch“ zu sein oder Aufmerksamkeit zu suchen. Es bedeutet, jeden Tag Kraft aufzubringen, die viele Menschen niemals aufbringen müssen.
Und genau diese Menschen sollen jetzt wieder die Rechnung eines Systems tragen, das seit Jahren an vielen Stellen überfordert ist?
⧫ Während politische Entscheidungen getroffen werden, die unser Land vor immer größere finanzielle und gesellschaftliche Herausforderungen stellen, entsteht bei vielen Menschen das Gefühl, dass am Ende diejenigen die Last tragen sollen, die ohnehin schon kämpfen: Kranke, Rentner, Familien und die Menschen, die jeden Tag arbeiten und dieses System finanzieren.
Es entsteht der Eindruck, dass immer neue Verpflichtungen und Ausgaben entstehen, während gleichzeitig dort gespart werden soll, wo Menschen keine starke Lobby haben. Und besonders Menschen mit psychischen Erkrankungen gehören leider oft zu denen, deren Stimme am wenigsten gehört wird.
⧫ Schon heute ist es für psychisch Erkrankte ein Kampf, überhaupt einen Therapieplatz zu bekommen. Man wartet Monate, manchmal länger. Man ruft an, schreibt Anfragen, erklärt seine Situation – und bekommt immer wieder dieselbe Antwort: „Leider keine Kapazitäten.“
Aber eine psychische Erkrankung wartet nicht geduldig auf einen freien Termin.
Eine Krise hält sich nicht an Wartelisten.
Eine Angststörung verschwindet nicht, weil kein Platz frei ist.
Eine Seele kann nicht einfach auf später vertröstet werden.
⧫ Und dann kommen Reformpläne, bei denen viele Betroffene Angst bekommen. Es geht nicht nur um Therapieplätze, sondern auch um die Frage, wie Menschen abgesichert sind, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht oder nicht vollständig arbeiten können.
Gerade bei geplanten Veränderungen rund um die kostenlose Familienversicherung fühlen sich viele Menschen verunsichert. Für manche mag es wie eine politische Anpassung wirken – für andere kann es eine existenzielle Frage werden.
⧫ Ich selbst könnte davon betroffen sein. Ich bin aufgrund meiner Erkrankung nicht arbeitsfähig. Mein Mann hat immer zu mir gehalten und für mich gesorgt. Wir haben unser Leben selbst getragen und nie auch nur einen Cent staatliche Unterstützung bekommen. Wir haben Verantwortung übernommen und versucht, unseren Weg zu gehen.
Und trotzdem entsteht nun die Angst: Was passiert, wenn Menschen wie ich irgendwann nicht mehr über die Familienversicherung der gesetzlichen Krankenkassen abgesichert sind?
Was passiert mit Menschen, die krank sind, aber trotzdem nie aufgegeben haben?
Was passiert mit Menschen, die nicht freiwillig aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, sondern durch eine Erkrankung daran gehindert werden?
⧫ Psychisch Erkrankte sind keine Belastung, die man einfach wegorganisieren kann.
Wir sind Menschen.
Menschen, die kämpfen.
Menschen, die lieben.
Menschen, die Familien haben.
Menschen, die trotz ihrer Erkrankung versuchen, ihr Leben zu meistern.
Es kann nicht sein, dass ein Staat immer neue Aufgaben übernimmt, immer neue Ausgaben verteilt und gleichzeitig bei den Menschen spart, die diesen Staat mit aufgebaut und finanziert haben. Ein System darf nicht funktionieren, indem diejenigen am Ende den Preis zahlen, die am wenigsten Kraft haben, sich dagegen zu wehren.
⧫ Kranke Menschen können nicht einfach noch mehr Belastung tragen. Rentner
können nicht endlos verzichten. Steuerzahler können nicht immer nur auffangen, während die Politik Probleme verwaltet, anstatt sie nachhaltig zu lösen.
Ein Gesundheitssystem sollte nicht erst dann reagieren, wenn Menschen zusammenbrechen. Es sollte auffangen, bevor es zu spät ist.
Wer bei psychischer Gesundheit spart, spart nicht nur an Geld. Er spart an Menschlichkeit.
⧫ Denn hinter jedem fehlenden Therapieplatz, hinter jeder unsicheren Absicherung und hinter jeder Zahl in einer Statistik steht ein Mensch mit einer Geschichte.
Und manchmal steht dort ein Mensch, der nicht aufgegeben hat, sondern nur darum kämpft, die Hilfe zu bekommen, die er braucht, um weiterleben, weiter hoffen und seinen Platz in dieser Gesellschaft behalten zu können.

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