Freitag, 14. August 2026

Wie eine schwere Kindheit das Erwachsenenleben prägt

 

Schwere Kindheit, tiefe Spuren

Schwere Kindheit, tiefe Spuren
 8. unsichtbare Anzeichen im Erwachsenenalter!
 
Eine glückliche Kindheit ist das Fundament für ein unbeschwertes Leben, so lautet zumindest die Theorie.
Doch die Realität sieht für manche Menschen anders aus.
Gerade viele Menschen mit psychischen Erkrankungen, darunter auch viele Borderline-Betroffene, wissen, dass Kindheit nicht immer mit Geborgenheit, Sicherheit und bedingungsloser Liebe verbunden war.
 
Manche sind mit emotionaler Vernachlässigung aufgewachsen, andere mit Gewalt, ständigem Streit, Ablehnung, Kontrolle, Unberechenbarkeit oder dem Gefühl, niemals wirklich gut genug zu sein.
 
Und manchmal war es nach außen gar nicht so offensichtlich.
Vielleicht gab es sogar ein schönes Zuhause, Urlaube, Geschenke und Familienfotos.
Aber niemand hat gesehen, was hinter verschlossenen Türen passiert ist.
Was viele von uns heute noch mit uns herumtragen, sind deshalb nicht unbedingt nur konkrete Erinnerungen. Es sind Verhaltensmuster, Ängste und Reaktionen, die sich tief in uns eingebrannt haben.
 
Unser Nervensystem hat damals gelernt, irgendwie zu überleben.
Was in der Kindheit eine sinnvolle Schutzstrategie war, kann uns als Erwachsene allerdings immer wieder im Weg stehen.
 
Hier sind 8 Anzeichen, die darauf hindeuten können, dass ein Mensch eine schwere Kindheit hinter sich hat.
 
Ständige Alarmbereitschaft – immer auf der Hut sein
 
Kennst du das Gefühl, jeden Raum, den du betrittst, sofort scannen zu müssen?
Wer ist wie gelaunt?
Ist jemand angespannt?
Hat sich die Stimmung verändert?
Droht vielleicht gleich Streit?
Wer in einem unberechenbaren oder emotional unsicheren Zuhause aufgewachsen ist, musste oft früh lernen, die Stimmung anderer Menschen zu lesen.
Nicht aus Neugier.
Sondern aus Selbstschutz.
 
Man musste vielleicht schon als Kind wissen, ob Mama heute gut oder schlecht gelaunt ist. Ob Papa gleich explodiert. Ob man besser den Mund hält oder lieber verschwindet. Diese Antennen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir erwachsen geworden sind.
 
Und so sitzen wir manchmal heute noch in einem Raum und registrieren jede kleinste Veränderung, während andere überhaupt nicht verstehen, warum wir plötzlich angespannt sind.
 
Für uns ist das nicht einfach überempfindlich sein.
Unser Körper hat irgendwann gelernt:
Pass auf. Irgendetwas könnte gleich passieren.
 
Extrem ausgeprägter Perfektionismus
 
Der Druck, alles richtig machen zu müssen, kann enorm sein.
Ein Fehler fühlt sich dann nicht einfach wie ein Fehler an.
Er fühlt sich an wie persönliches Versagen.
Vielleicht hast du gelernt, dass du nur dann Anerkennung bekommst, wenn du funktionierst.
Wenn du gute Leistungen bringst.
Wenn du keine Probleme machst.
Wenn du brav bist.
Wenn du die Erwartungen anderer erfüllst.
 
Vielleicht steckt tief in dir noch immer dieser Gedanke:
Ich darf keinen Fehler machen, sonst bin ich nicht gut genug.
Und so versuchen wir, alles perfekt zu machen.
Nicht unbedingt, weil wir besonders ehrgeizig sind.
Sondern weil wir irgendwann gelernt haben, dass Fehler Konsequenzen haben können.
 
Chronisches Misstrauen
 
Vertrauen kann unglaublich schwerfallen.
Selbst wenn jemand freundlich zu uns ist.
Selbst wenn unser Partner uns liebt.
Selbst wenn Freunde immer wieder zeigen, dass sie für uns da sind.
Irgendwo bleibt diese kleine innere Stimme:
Warte ab. Irgendwann wirst du enttäuscht.
 
Viele von uns haben gelernt, dass ausgerechnet die Menschen, denen wir eigentlich vertrauen sollten, nicht zuverlässig waren.
 
Vielleicht wurden Versprechen gebrochen.
Vielleicht wurde Liebe entzogen, wenn wir nicht funktioniert haben.
Vielleicht wurden Gefühle belächelt oder gegen uns verwendet.
Vielleicht war Nähe gleichzeitig das, wonach wir uns sehnten, und das, was uns am meisten verletzt hat.
 
Und dann wird Vertrauen als Erwachsener verdammt schwer.
Denn unser Kopf kann verstehen, dass ein Mensch heute anders ist.
Unser Inneres braucht dafür manchmal sehr viel länger.
 
Allen gefallen wollen – die eigenen Bedürfnisse ständig zurückstellen
 
„Nein“ zu sagen kann sich unglaublich schwer anfühlen.
Wir stellen unsere eigenen Bedürfnisse zurück.
Wir helfen, obwohl wir selbst eigentlich nicht mehr können.
Wir entschuldigen uns, obwohl wir gar nichts falsch gemacht haben.
Und wenn jemand enttäuscht von uns ist, fühlen wir uns sofort schuldig.
 
Viele von uns haben schon als Kinder gelernt, die Stimmung anderer Menschen zu regulieren.
 
Wir haben versucht, Streit zu verhindern.
Wir haben uns angepasst.
Wir haben vielleicht versucht, besonders lieb, besonders ruhig oder besonders verständnisvoll zu sein.
 
Nicht weil wir allen gefallen wollten.
Sondern weil wir gelernt haben:
Wenn alle zufrieden sind, bin ich sicher.
Heute nennt man das People-Pleasing.
 
Für viele Betroffene ist es aber viel mehr als einfach nur der Wunsch, es allen recht zu machen. Es ist eine Überlebensstrategie, die irgendwann einmal notwendig war.
 
Starke Selbstkritik und tiefe Scham
 
Die innere Stimme kann brutal sein.
Bei Problemen oder Rückschlägen suchen wir die Schuld oft zuerst bei uns selbst.
 
Ich bin einfach falsch.
Ich mache alles kaputt.
Ich bin zu anstrengend.
Kein Wunder, dass mich niemand aushält.
Andere schaffen das doch auch.
 
Diese Selbstkritik sitzt oft unglaublich tief.
Und manchmal merken wir gar nicht mehr, woher sie eigentlich kommt.
Für ein Kind kann es psychologisch einfacher sein zu glauben:
Mit mir stimmt etwas nicht, als zu verstehen:
Die Erwachsenen, von denen ich abhängig bin, können oder wollen mir gerade nicht das geben, was ich brauche.
 
Denn wenn ich als Kind schuld bin, besteht zumindest die Hoffnung: Wenn ich mich nur genug anstrenge, kann ich es ändern.
Und genau diesen Gedanken nehmen manche von uns mit ins Erwachsenenleben.
 
Vermeidung von Konflikten um jeden Preis
 
Auseinandersetzungen können bei uns ganz andere Reaktionen auslösen als bei Menschen, die in einem sicheren Umfeld aufgewachsen sind.
 
Das Herz rast.
Die Kehle schnürt sich zu.
Der Körper geht in Alarmbereitschaft.
Oder wir geben sofort nach.
Hauptsache, der Streit hört auf.
Vielleicht schlucken wir Dinge herunter, die uns eigentlich verletzen.
Vielleicht entschuldigen wir uns, obwohl wir eigentlich gar nichts falsch gemacht haben.
 
Vielleicht sagen wir lieber gar nichts, weil wir Angst davor haben, was passieren könnte, wenn wir unsere Meinung äußern.
Denn für unser inneres Kind bedeutet Konflikt nicht einfach nur:
Wir haben gerade unterschiedliche Meinungen.
 
Es bedeutet:
Ich bin in Gefahr.
Der erwachsene Verstand weiß vielleicht längst, dass wir heute sicher sind.
Unser Körper hat das manchmal noch nicht verstanden.
 
Schwierigkeiten bei der emotionalen Regulation
 
Gefühle können uns manchmal komplett überrollen.
Wut, Traurigkeit, Angst, Verzweiflung oder Frustration können so intensiv werden, dass wir selbst nicht mehr wissen, wohin damit.
Und dann gibt es wieder die andere Seite:
Wir fühlen überhaupt nichts.
Wir werden leer.
Taub.
Wie abgeschnitten von unseren eigenen Gefühlen.
 
Viele von uns hatten als Kind niemanden, der uns gezeigt hat, wie man mit starken Emotionen umgeht.
Niemand, der gesagt hat:
Ich sehe, dass du Angst hast.
Du darfst traurig sein.
Du bist wütend, aber ich bleibe trotzdem bei dir.
Wir schaffen das gemeinsam.
 
Wenn ein Kind seine Gefühle immer alleine bewältigen muss, muss es irgendwann eigene Wege finden, damit klarzukommen.
Und diese Strategien verschwinden nicht einfach, nur weil wir erwachsen werden.
Gerade bei psychischen Erkrankungen können diese alten Muster später besonders deutlich zum Vorschein kommen.
 
Das fundamentale Gefühl, „anders“ zu sein
 
Und dann ist da dieses Gefühl, das viele von uns wahrscheinlich nur zu gut kennen:
Irgendwie bin ich anders!
Selbst wenn wir Freunde haben.
Selbst wenn wir geliebt werden.
Selbst wenn wir lachen und schöne Momente erleben.
Irgendwo bleibt dieses Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören.
 
Als würde eine unsichtbare Glasscheibe zwischen uns und der Welt stehen.
Wir sehen, wie andere scheinbar mühelos Beziehungen führen, vertrauen, Grenzen setzen und mit ihren Gefühlen umgehen.
 
Und wir fragen uns:
Warum kann ich das nicht auch so einfach?
Vielleicht hast du manchmal das Gefühl, dass alle anderen eine Bedienungsanleitung für das Leben bekommen haben, nur du nicht.
 
Und vielleicht liegt das nicht daran, dass mit uns etwas falsch ist.
Vielleicht mussten wir einfach viel früher lernen, Dinge auszuhalten, die andere Kinder niemals aushalten mussten.
 
Der Weg zur Heilung
 
Wenn du dich in diesen Punkten wiedererkennst, dann möchte ich uns etwas sagen:
Du bist nicht kaputt.
Du bist nicht absichtlich schwierig.
Du bist nicht „zu empfindlich“.
 
Und du hast dir viele dieser Reaktionen nicht ausgesucht.
Was du als Kind gelernt hast, war eine Überlebensstrategie.
Du hast dich an deine Umgebung angepasst, weil du als Kind gar keine andere Möglichkeit hattest.
 
Vielleicht hast du gelernt, Menschen zu lesen.
Vielleicht hast du gelernt, dich unsichtbar zu machen.
Vielleicht hast du gelernt, perfekt zu funktionieren.
Vielleicht hast du gelernt, niemandem zu vertrauen.
Vielleicht hast du gelernt, deine eigenen Bedürfnisse ganz nach hinten zu stellen.
Und vielleicht hast du gelernt, deine Gefühle irgendwie alleine auszuhalten.
Das alles hatte einmal einen Sinn.
 
Nur leider brauchen wir diese alten Schutzmechanismen heute nicht mehr in derselben Form, und trotzdem laufen sie weiter.
 
Aber die gute Nachricht ist:
 
Unser Gehirn kann ein Leben lang lernen und sich verändern.
Mit Bewusstsein, Geduld, Selbstmitgefühl und, wenn möglich, professioneller Unterstützung, können wir Schritt für Schritt lernen, alte Muster zu erkennen und neue Erfahrungen zu machen.
 
Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles gut ist.
Heilung bedeutet auch nicht, dass wir nie wieder getriggert werden, nie wieder Angst haben oder keine schwierigen Gefühle mehr bekommen.
Vielleicht bedeutet Heilung vielmehr, irgendwann verstehen zu können:
Ich bin nicht falsch.
 
Ich habe nur sehr früh gelernt, mich zu schützen.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas ganz Wichtiges,
dass wir aufhören, uns für die Wunden zu verurteilen, die andere uns zugefügt haben.
Dass wir anfangen, uns selbst mit dem Verständnis zu begegnen, das wir als Kind gebraucht hätten.
 
Denn wir waren damals nicht schwierig.
Wir waren Kinder, die versucht haben, mit einer Welt klarzukommen, die für sie viel zu schwer war.
 
 
 
 

Mein ganz persönlicher Urlaubskrimi

 

Mein ganz persönlicher Urlaubskrimi

Zwischen Fernweh und Fluchtreflex!

⧫ Es war mal wieder soweit!
Es zog mich wie ein Magnet ans Meer. Zuhause in meinen sicheren vier Wänden erscheint mir das immer wie eine fantastische Idee, wenn mich die Sehnsucht nach der Nordsee und meinen lieben Bekannten/Freunden weiter hoch in den Norden zieht.
 
Ich stelle mir dann romantisch vor, wie ich am Strand stehe, den Wind im Gesicht spüre, dem Meeresrauschen lausche und einfach glücklich bin. Ich sehe förmlich die perfekte Urlaubsszene vor mir. Möwen kreisen am Himmel, die Wellen rauschen und ich schlendere entspannt am Wasser entlang.
 
 Dass zwischen meiner Haustür und diesem idyllischen Sehnsuchtsort allerdings noch mehrere Stunden Autofahrt liegen – inklusive einer etwa 25-minütigen Fährfahrt, wenn nicht gerade Ebbe ist – verdränge ich zu diesem Zeitpunkt erfolgreich. Bei Ebbe dauert die Überfahrt natürlich länger, weil wir dann gefühlt mit Schrittgeschwindigkeit übers Wasser tuckern. Eine kleine Kreuzfahrt für Menschen mit sehr viel Geduld.
 
Mein Gehirn ist in diesen Situationen immer wieder erstaunlich kreativ. Es blendet unangenehme Details einfach aus, fast wie ein schlecht programmierter Urlaubsfilter. Meer, Strand, Entspannung – alles andere wird vorübergehend gelöscht.
 
 Doch ungefähr drei Tage vor der Abreise passiert etwas Merkwürdiges. Die Vorfreude bekommt plötzlich einen kleinen Bruder! 
 
Die Panik.
 
Langsam steigt die Anspannung. Diverse Vorbereitungen wie entspannende Traumreisen, Hörbücher oder das Einüben von Strategien gegen Angst und Panik während der Autofahrt verlieren plötzlich ihre Wirkung. Mein inneres Alarmsystem läuft bereits auf Hochtouren, obwohl ich noch gemütlich auf meinem Sofa sitze und eigentlich nur darüber nachdenke, welche Kleidung ich einpacken muss.
 
 Mein Kopf veranstaltet derweil eine komplette Krisensitzung:
Was wäre, wenn ich unterwegs eine Panikattacke bekomme?
Was wäre, wenn ich plötzlich Hilfe brauche und nicht weiterfahren kann?
Was wäre, wenn…?
 
Dieses „Was wäre, wenn?“ ist übrigens, wie schon einmal erwähnt, ein ausgesprochen fleißiger Mitarbeiter in meinem Gehirn. Es macht Überstunden, arbeitet am Wochenende und produziert mit beeindruckender Kreativität Probleme, die zum Glück meistens nur in meinem Kopf existieren. 
 
Mein Gehirn liefert auf jede Frage mindestens zehn völlig überflüssige Horrorszenarien. Es arbeitet dabei schneller als jedes Reisebüro, nur leider bieten sie dort ausschließlich Horrortrips an.
 
 Dieses Mal wollte ich besonders schlau sein. Ich habe mir extra Überlebens- und Bewältigungsstrategien für die Urlaubs anreise ausgedruckt.
Ein ganzer Stapel Papier voller hilfreicher Tipps, Übungen und beruhigender Gedanken.
 
Seiten feinster, kleingedruckter Psychologen-Tipps, versehen mit bunten Textmarker-Strichen in beruhigendem Pastellblau. Allein die Farbe sollte wahrscheinlich schon therapeutische Wirkung entfalten.
Unter Punkt 1 stand:
„Akzeptieren Sie das Gefühl der Panik als alten Bekannten, der Sie lediglich besuchen möchte.“
 
Aha.
Ein alter Bekannter also.
Komisch, dachte ich. Dieser Bekannte kommt aber immer unangekündigt, bringt schlechte Laune mit und weigert sich hartnäckig, wieder zu gehen.
 
 Trotzdem fühlte ich mich bestens vorbereitet.
Fast wie ein Pfadfinder, der in die Wildnis aufbricht, nur dass meine Wildnis aus Straßen, Baustellen, Umleitungen, einer Flussüberquerung und meinem eigenen Kopf besteht.
 
Die Unterlagen lagen ordentlich bereit. Ich hatte einen Plan. Einen Notfallplan. Einen Plan für den Fall, dass der Notfallplan nicht funktioniert. Eigentlich fehlte nur noch ein Erste-Hilfe-Koffer für meine Gedanken.
 
Am Abreisetag saß ich dann im Auto und betrachtete meinen sorgfältig vorbereiteten Ordner.
„Du bist vorbereitet“, sagte ich mir.
„Du hast alles dabei.“
Mein Kopf antwortete:
„Ja, wunderbar. Wir haben einen Ordner. Die Angst wird bestimmt beeindruckt sein und freiwillig verschwinden.“
 
 Leider zeigte sich meine Angst wenig beeindruckt.
Sie setzte sich gemütlich auf die Rückbank, schnallte sich an und erklärte, dass sie selbstverständlich mit in den Urlaub fährt.
 
Also gut. Dann eben gemeinsam.
Mein Mann als Fahrer - denn selber fahren? Um Gottes willen! Was da alles schiefgehen könnte - meine Angst und ein Ordner voller Bewältigungsstrategien auf dem Weg Richtung Nordsee.
Eine etwas ungewöhnliche Reisegruppe.
Aber immerhin eine, die einiges zu bieten hat.
 
Spätestens nach den ersten fünf Kilometern verfluche ich meine eigene Eingebung, an die See fahren zu wollen. Ich frage mich die nächsten 250 Kilometer, warum ich mir das eigentlich jedes Mal antue.
Warum bleibe ich nicht einfach zuhause?
In meiner Komfortzone? Mit der Decke über dem Kopf!
Dort ist es doch so schön kuschelig. Dort kenne ich jede Ecke, jede Wand und jede mögliche Fluchtroute. Dort könnte ich mich wunderbar in meinen sicheren vier Wänden verbarrikadieren und niemand würde mich zwingen, mich mit unbekannten, gefährlichen Situationen auseinanderzusetzen.
 
Nie wieder, schwöre ich mir während der Fahrt.
Nie wieder werde ich dieses unkalkulierbare Wagnis eingehen.
Nie wieder werde ich diese Angst aushalten.
 
 Natürlich ahne ich zu diesem Zeitpunkt schon, dass ich diesen Schwur ungefähr eine Woche nach der Rückfahrt wieder vergesse.
Und irgendwann passiert dann das Unglaubliche!
Man kommt heil an.
 
Der erste Blick aufs Meer, der Wind, der Geruch von Salz in der Luft und dieses Gefühl, endlich angekommen zu sein, lassen den ganzen inneren Ausnahmezustand plötzlich etwas kleiner werden.
 
Dann steht man da und denkt:
„Warum mache ich mir eigentlich jedes Mal vorher so einen Stress?“
Bisher habe ich immer überlebt. 
Leise kommt es von der Rückbank:
„Ja, bisher. Aber das muss ja nicht immer so sein.“
 
Mein Gehirn ist offensichtlich der Meinung, jeder Urlaub wäre ungefähr so riskant wie gemeinsames Schwimmen mit Haien.
 
 Aber die Anreise ist ja nur die erste Herausforderung.
Denn auch der Urlaub selbst ist für mich manchmal ein kleines Abenteuer. Da wären zum Beispiel die Treffen mit meinen lieben Freunden. Menschen, die ich sehr gerne habe und auf die ich mich eigentlich freue. 
 
Trotzdem läuft auch dort mein inneres Warnsystem gerne weiter im Hintergrund.
Mein Kopf fragt dann:
„Was, wenn es zu viel wird?“
„Was, wenn ich mich zurückziehen muss?“
„Was, wenn ich nicht so funktioniere, wie ich gerne möchte?“
„Was, wenn sie meine Panik, Depressionen und Anspannung bemerken?“
 
Während andere Menschen einfach gemütlich zusammensitzen, lachen und den Abend genießen, führt mein Gehirn parallel eine Sicherheitsprüfung durch.
Ein Teil von mir sitzt am Tisch und unterhält sich.
Der andere Teil trägt einen imaginären Bauhelm und kontrolliert die Notausgänge.
 
 Auch das Ferienhaus wird regelmäßig einer gründlichen psychischen Sicherheitsprüfung unterzogen.
Ist alles vertraut?
Fühlt es sich sicher an?
Wo kann ich mich zurückziehen?
Entspannen? Erst mal nicht. Mein Verstand behandelt die Unterkunft wie einen frisch bezogenen Bunker, bei dem man penibel prüfen muss, ob die Vorräte reichen und die Schlösser auch wirklich halten. 
 
Und dann sind da noch die Unternehmungen.
Eigentlich möchte ich sie machen. Eigentlich freue ich mich darauf.
Aber manchmal muss ich mich regelrecht dazu zwingen.
Mein innerer Schweinehund aus Depressionen, Angst und Anspannung hat dann eine ganze Armee aufgestellt:
„Heute lieber nicht.“
„Bleib doch einfach gemütlich hier.“
„Du könntest dich ausruhen.“
 
Meine Komfortzone winkt dabei verführerisch aus der Ecke und ruft:
„Komm zurück! Hier gibt es Sicherheit und keine Überraschungen!“
Aber genau dann weiß ich: Wenn ich immer nur dort bleibe, wo alles bekannt und sicher ist, verpasse ich vielleicht genau die Momente, die später die schönsten Erinnerungen werden.
 
 Denn trotz aller Angst, trotz aller Zweifel und trotz meines persönlichen inneren Sicherheitsdienstes passieren diese wunderbaren Dinge:
Ich sehe das Meer.
Ich treffe Menschen, die mir wichtig sind.
Ich erlebe schöne Momente.
Ich fahre wieder nach Hause und denke:
„Es war schwer. Aber ich habe es geschafft.“
 
Mein Gehirn ist also weiterhin überzeugt, dass jeder Urlaub eine Expedition in unbekanntes Terrain ist.
Aber vielleicht gehört genau das auch zu meiner Geschichte dazu.
Denn manchmal bedeutet Mut nicht, keine Angst zu haben.
Manchmal bedeutet Mut einfach, die Angst mitzunehmen, sie auf den Rücksitz zu setzen und trotzdem loszufahren.
 
Und manchmal muss man seiner Angst, Anspannung und Depression am Ende nur sagen:
„Du darfst mitkommen. Aber du bestimmst nicht die Richtung.“
 
 Nun sitze ich wieder zuhause in meiner kleinen Wohnung, auf meinem sicheren Sofa, in meinen vertrauten vier Wänden, umgeben von Dingen, die ich kenne und die keine unerwarteten Überraschungen bereithalten.
 
Die Nordsee-Reise ist wieder einmal geschafft. Ich habe sie überlebt. Ich war mutig. Ich habe meine Angst mitgenommen und ihr gezeigt, dass sie nicht immer das Sagen hat.
Und genau in diesem Moment passiert es:
Ich fange an zu träumen.
Nicht von der nächsten Fahrt zur Nordsee. Nein, mein Gehirn ist ja schließlich ein großer Fan von völlig realistischen Herausforderungen.
Ich plane gedanklich bereits eine Reise nach Bora Bora.
Türkisblaues Wasser, weiße Sandstrände, eine kleine Hütte über dem Meer, eine Rutsche direkt ins Wasser, Palmen im Wind und absolute Entspannung.
Ein wunderschöner Traum.
 
Natürlich sitzt meine Angst währenddessen wieder auf der Rückbank und meldet sich zu Wort:
„Bora Bora? Sehr schön. Und wie genau kommen wir da hin? Mit dem Auto? Mit dem Flugzeug? Was ist, wenn der Flug Verspätung hat? Was ist, wenn wir irgendwo umsteigen müssen? Was ist, wenn das Flugzeug abstürzt...?“
 
Und schon beginnt mein innerer Reiseplaner wieder mit der Arbeit.
Vielleicht bleibt Bora Bora also vorerst das, was es ist, ein wunderschöner Traum in meinem Kopf.
 
 Aber wer weiß?
Schließlich dachte ich früher auch, eine Fahrt an die Nordsee wäre ein völlig unmögliches Abenteuer.
Und am Ende stand ich dort.
Am Meer.
Mit Wind im Gesicht, Sand unter den Füßen und einer Angst, die sich vermutlich gerade fragte, warum sie eigentlich die ganze Strecke mitgefahren ist.
 
Vielleicht muss ich also irgendwann nur noch meiner Angst erklären, dass auch ein Flugzeug nur ein Auto ist, das beschlossen hat, die Straße zu verlassen.
Und vielleicht sitzen wir eines Tages tatsächlich auf Bora Bora.
 
Ich, mein Mann, meine Angst und natürlich ein Ordner voller Bewältigungsstrategien.
Man kann schließlich nie gut genug vorbereitet sein!
 
 
 

Von der Politik im Stich gelassen

 

Wenn psychisch kranke Menschen plötzlich auch noch um ihre Existenz kämpfen müssen

 
Wenn psychisch kranke Menschen plötzlich auch noch um ihre Existenz kämpfen müssen
 
⧫ Ich schreibe das nicht als Politikerin. Nicht als Expertin. Ich schreibe das als Mensch, der mit einer psychischen Erkrankung lebt.
 
Ich bin Borderline-Betroffene. Für viele ist dieses Wort nur eine Diagnose auf einem Papier. Für mich bedeutet es tägliche Arbeit an mir selbst. Es bedeutet, mit starken Emotionen, Ängsten, inneren Kämpfen und Belastungen zu leben, die andere oft nicht sehen können. Es bedeutet nicht, „dramatisch“ zu sein oder Aufmerksamkeit zu suchen. Es bedeutet, jeden Tag Kraft aufzubringen, die viele Menschen niemals aufbringen müssen.
 
Und genau diese Menschen sollen jetzt wieder die Rechnung eines Systems tragen, das seit Jahren an vielen Stellen überfordert ist?
 
 Während politische Entscheidungen getroffen werden, die unser Land vor immer größere finanzielle und gesellschaftliche Herausforderungen stellen, entsteht bei vielen Menschen das Gefühl, dass am Ende diejenigen die Last tragen sollen, die ohnehin schon kämpfen: Kranke, Rentner, Familien und die Menschen, die jeden Tag arbeiten und dieses System finanzieren.
 
Es entsteht der Eindruck, dass immer neue Verpflichtungen und Ausgaben entstehen, während gleichzeitig dort gespart werden soll, wo Menschen keine starke Lobby haben. Und besonders Menschen mit psychischen Erkrankungen gehören leider oft zu denen, deren Stimme am wenigsten gehört wird.
 
⧫ Schon heute ist es für psychisch Erkrankte ein Kampf, überhaupt einen Therapieplatz zu bekommen. Man wartet Monate, manchmal länger. Man ruft an, schreibt Anfragen, erklärt seine Situation – und bekommt immer wieder dieselbe Antwort: „Leider keine Kapazitäten.“
Aber eine psychische Erkrankung wartet nicht geduldig auf einen freien Termin.
Eine Krise hält sich nicht an Wartelisten.
Eine Angststörung verschwindet nicht, weil kein Platz frei ist.  
Eine Seele kann nicht einfach auf später vertröstet werden.
 
 Und dann kommen Reformpläne, bei denen viele Betroffene Angst bekommen. Es geht nicht nur um Therapieplätze, sondern auch um die Frage, wie Menschen abgesichert sind, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht oder nicht vollständig arbeiten können.
Gerade bei geplanten Veränderungen rund um die kostenlose Familienversicherung fühlen sich viele Menschen verunsichert. Für manche mag es wie eine politische Anpassung wirken – für andere kann es eine existenzielle Frage werden.
 
 Ich selbst könnte davon betroffen sein. Ich bin aufgrund meiner Erkrankung nicht arbeitsfähig. Mein Mann hat immer zu mir gehalten und für mich gesorgt. Wir haben unser Leben selbst getragen und nie auch nur einen Cent staatliche Unterstützung bekommen. Wir haben Verantwortung übernommen und versucht, unseren Weg zu gehen.
 
Und trotzdem entsteht nun die Angst: Was passiert, wenn Menschen wie ich irgendwann nicht mehr über die Familienversicherung der gesetzlichen Krankenkassen abgesichert sind?
 
Was passiert mit Menschen, die krank sind, aber trotzdem nie aufgegeben haben?
Was passiert mit Menschen, die nicht freiwillig aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, sondern durch eine Erkrankung daran gehindert werden?
 
⧫ Psychisch Erkrankte sind keine Belastung, die man einfach wegorganisieren kann.
 
Wir sind Menschen.
Menschen, die kämpfen.
Menschen, die lieben.
Menschen, die Familien haben.
Menschen, die trotz ihrer Erkrankung versuchen, ihr Leben zu meistern.
 
Es kann nicht sein, dass ein Staat immer neue Aufgaben übernimmt, immer neue Ausgaben verteilt und gleichzeitig bei den Menschen spart, die diesen Staat mit aufgebaut und finanziert haben. Ein System darf nicht funktionieren, indem diejenigen am Ende den Preis zahlen, die am wenigsten Kraft haben, sich dagegen zu wehren.
 
⧫ Kranke Menschen können nicht einfach noch mehr Belastung tragen. Rentner 
können nicht endlos verzichten. Steuerzahler können nicht immer nur auffangen, während die Politik Probleme verwaltet, anstatt sie nachhaltig zu lösen.
 
Ein Gesundheitssystem sollte nicht erst dann reagieren, wenn Menschen zusammenbrechen. Es sollte auffangen, bevor es zu spät ist.
Wer bei psychischer Gesundheit spart, spart nicht nur an Geld. Er spart an Menschlichkeit.
 
 Denn hinter jedem fehlenden Therapieplatz, hinter jeder unsicheren Absicherung und hinter jeder Zahl in einer Statistik steht ein Mensch mit einer Geschichte.
Und manchmal steht dort ein Mensch, der nicht aufgegeben hat, sondern nur darum kämpft, die Hilfe zu bekommen, die er braucht, um weiterleben, weiter hoffen und seinen Platz in dieser Gesellschaft behalten zu können.