Schwere Kindheit, tiefe Spuren
8. unsichtbare Anzeichen im Erwachsenenalter!
Eine glückliche Kindheit ist das Fundament für ein unbeschwertes Leben, so lautet zumindest die Theorie.
Doch die Realität sieht für manche Menschen anders aus.
Gerade viele Menschen mit psychischen Erkrankungen, darunter auch viele Borderline-Betroffene, wissen, dass Kindheit nicht immer mit Geborgenheit, Sicherheit und bedingungsloser Liebe verbunden war.
Manche sind mit emotionaler Vernachlässigung aufgewachsen, andere mit Gewalt, ständigem Streit, Ablehnung, Kontrolle, Unberechenbarkeit oder dem Gefühl, niemals wirklich gut genug zu sein.
Und manchmal war es nach außen gar nicht so offensichtlich.
Vielleicht gab es sogar ein schönes Zuhause, Urlaube, Geschenke und Familienfotos.
Aber niemand hat gesehen, was hinter verschlossenen Türen passiert ist.
Was viele von uns heute noch mit uns herumtragen, sind deshalb nicht unbedingt nur konkrete Erinnerungen. Es sind Verhaltensmuster, Ängste und Reaktionen, die sich tief in uns eingebrannt haben.
Unser Nervensystem hat damals gelernt, irgendwie zu überleben.
Was in der Kindheit eine sinnvolle Schutzstrategie war, kann uns als Erwachsene allerdings immer wieder im Weg stehen.
Hier sind 8 Anzeichen, die darauf hindeuten können, dass ein Mensch eine schwere Kindheit hinter sich hat.
Ständige Alarmbereitschaft – immer auf der Hut sein
Kennst du das Gefühl, jeden Raum, den du betrittst, sofort scannen zu müssen?
Wer ist wie gelaunt?
Ist jemand angespannt?
Hat sich die Stimmung verändert?
Droht vielleicht gleich Streit?
Wer in einem unberechenbaren oder emotional unsicheren Zuhause aufgewachsen ist, musste oft früh lernen, die Stimmung anderer Menschen zu lesen.
Nicht aus Neugier.
Sondern aus Selbstschutz.
Man musste vielleicht schon als Kind wissen, ob Mama heute gut oder schlecht gelaunt ist. Ob Papa gleich explodiert. Ob man besser den Mund hält oder lieber verschwindet. Diese Antennen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir erwachsen geworden sind.
Und so sitzen wir manchmal heute noch in einem Raum und registrieren jede kleinste Veränderung, während andere überhaupt nicht verstehen, warum wir plötzlich angespannt sind.
Für uns ist das nicht einfach überempfindlich sein.
Unser Körper hat irgendwann gelernt:
Pass auf. Irgendetwas könnte gleich passieren.
Extrem ausgeprägter Perfektionismus
Der Druck, alles richtig machen zu müssen, kann enorm sein.
Ein Fehler fühlt sich dann nicht einfach wie ein Fehler an.
Er fühlt sich an wie persönliches Versagen.
Vielleicht hast du gelernt, dass du nur dann Anerkennung bekommst, wenn du funktionierst.
Wenn du gute Leistungen bringst.
Wenn du keine Probleme machst.
Wenn du brav bist.
Wenn du die Erwartungen anderer erfüllst.
Vielleicht steckt tief in dir noch immer dieser Gedanke:
Ich darf keinen Fehler machen, sonst bin ich nicht gut genug.
Und so versuchen wir, alles perfekt zu machen.
Nicht unbedingt, weil wir besonders ehrgeizig sind.
Sondern weil wir irgendwann gelernt haben, dass Fehler Konsequenzen haben können.
Chronisches Misstrauen
Vertrauen kann unglaublich schwerfallen.
Selbst wenn jemand freundlich zu uns ist.
Selbst wenn unser Partner uns liebt.
Selbst wenn Freunde immer wieder zeigen, dass sie für uns da sind.
Irgendwo bleibt diese kleine innere Stimme:
Warte ab. Irgendwann wirst du enttäuscht.
Viele von uns haben gelernt, dass ausgerechnet die Menschen, denen wir eigentlich vertrauen sollten, nicht zuverlässig waren.
Vielleicht wurden Versprechen gebrochen.
Vielleicht wurde Liebe entzogen, wenn wir nicht funktioniert haben.
Vielleicht wurden Gefühle belächelt oder gegen uns verwendet.
Vielleicht war Nähe gleichzeitig das, wonach wir uns sehnten, und das, was uns am meisten verletzt hat.
Und dann wird Vertrauen als Erwachsener verdammt schwer.
Denn unser Kopf kann verstehen, dass ein Mensch heute anders ist.
Unser Inneres braucht dafür manchmal sehr viel länger.
Allen gefallen wollen – die eigenen Bedürfnisse ständig zurückstellen
„Nein“ zu sagen kann sich unglaublich schwer anfühlen.
Wir stellen unsere eigenen Bedürfnisse zurück.
Wir helfen, obwohl wir selbst eigentlich nicht mehr können.
Wir entschuldigen uns, obwohl wir gar nichts falsch gemacht haben.
Und wenn jemand enttäuscht von uns ist, fühlen wir uns sofort schuldig.
Viele von uns haben schon als Kinder gelernt, die Stimmung anderer Menschen zu regulieren.
Wir haben versucht, Streit zu verhindern.
Wir haben uns angepasst.
Wir haben vielleicht versucht, besonders lieb, besonders ruhig oder besonders verständnisvoll zu sein.
Nicht weil wir allen gefallen wollten.
Sondern weil wir gelernt haben:
Wenn alle zufrieden sind, bin ich sicher.
Heute nennt man das People-Pleasing.
Für viele Betroffene ist es aber viel mehr als einfach nur der Wunsch, es allen recht zu machen. Es ist eine Überlebensstrategie, die irgendwann einmal notwendig war.
Starke Selbstkritik und tiefe Scham
Die innere Stimme kann brutal sein.
Bei Problemen oder Rückschlägen suchen wir die Schuld oft zuerst bei uns selbst.
Ich bin einfach falsch.
Ich mache alles kaputt.
Ich bin zu anstrengend.
Kein Wunder, dass mich niemand aushält.
Andere schaffen das doch auch.
Diese Selbstkritik sitzt oft unglaublich tief.
Und manchmal merken wir gar nicht mehr, woher sie eigentlich kommt.
Für ein Kind kann es psychologisch einfacher sein zu glauben:
Mit mir stimmt etwas nicht, als zu verstehen:
Die Erwachsenen, von denen ich abhängig bin, können oder wollen mir gerade nicht das geben, was ich brauche.
Denn wenn ich als Kind schuld bin, besteht zumindest die Hoffnung: Wenn ich mich nur genug anstrenge, kann ich es ändern.
Und genau diesen Gedanken nehmen manche von uns mit ins Erwachsenenleben.
Vermeidung von Konflikten um jeden Preis
Auseinandersetzungen können bei uns ganz andere Reaktionen auslösen als bei Menschen, die in einem sicheren Umfeld aufgewachsen sind.
Das Herz rast.
Die Kehle schnürt sich zu.
Der Körper geht in Alarmbereitschaft.
Oder wir geben sofort nach.
Hauptsache, der Streit hört auf.
Vielleicht schlucken wir Dinge herunter, die uns eigentlich verletzen.
Vielleicht entschuldigen wir uns, obwohl wir eigentlich gar nichts falsch gemacht haben.
Vielleicht sagen wir lieber gar nichts, weil wir Angst davor haben, was passieren könnte, wenn wir unsere Meinung äußern.
Denn für unser inneres Kind bedeutet Konflikt nicht einfach nur:
Wir haben gerade unterschiedliche Meinungen.
Es bedeutet:
Ich bin in Gefahr.
Der erwachsene Verstand weiß vielleicht längst, dass wir heute sicher sind.
Unser Körper hat das manchmal noch nicht verstanden.
Schwierigkeiten bei der emotionalen Regulation
Gefühle können uns manchmal komplett überrollen.
Wut, Traurigkeit, Angst, Verzweiflung oder Frustration können so intensiv werden, dass wir selbst nicht mehr wissen, wohin damit.
Und dann gibt es wieder die andere Seite:
Wir fühlen überhaupt nichts.
Wir werden leer.
Taub.
Wie abgeschnitten von unseren eigenen Gefühlen.
Viele von uns hatten als Kind niemanden, der uns gezeigt hat, wie man mit starken Emotionen umgeht.
Niemand, der gesagt hat:
Ich sehe, dass du Angst hast.
Du darfst traurig sein.
Du bist wütend, aber ich bleibe trotzdem bei dir.
Wir schaffen das gemeinsam.
Wenn ein Kind seine Gefühle immer alleine bewältigen muss, muss es irgendwann eigene Wege finden, damit klarzukommen.
Und diese Strategien verschwinden nicht einfach, nur weil wir erwachsen werden.
Gerade bei psychischen Erkrankungen können diese alten Muster später besonders deutlich zum Vorschein kommen.
Das fundamentale Gefühl, „anders“ zu sein
Und dann ist da dieses Gefühl, das viele von uns wahrscheinlich nur zu gut kennen:
Irgendwie bin ich anders!
Selbst wenn wir Freunde haben.
Selbst wenn wir geliebt werden.
Selbst wenn wir lachen und schöne Momente erleben.
Irgendwo bleibt dieses Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören.
Als würde eine unsichtbare Glasscheibe zwischen uns und der Welt stehen.
Wir sehen, wie andere scheinbar mühelos Beziehungen führen, vertrauen, Grenzen setzen und mit ihren Gefühlen umgehen.
Und wir fragen uns:
Warum kann ich das nicht auch so einfach?
Vielleicht hast du manchmal das Gefühl, dass alle anderen eine Bedienungsanleitung für das Leben bekommen haben, nur du nicht.
Und vielleicht liegt das nicht daran, dass mit uns etwas falsch ist.
Vielleicht mussten wir einfach viel früher lernen, Dinge auszuhalten, die andere Kinder niemals aushalten mussten.
Der Weg zur Heilung
Wenn du dich in diesen Punkten wiedererkennst, dann möchte ich uns etwas sagen:
Du bist nicht kaputt.
Du bist nicht absichtlich schwierig.
Du bist nicht „zu empfindlich“.
Und du hast dir viele dieser Reaktionen nicht ausgesucht.
Was du als Kind gelernt hast, war eine Überlebensstrategie.
Du hast dich an deine Umgebung angepasst, weil du als Kind gar keine andere Möglichkeit hattest.
Vielleicht hast du gelernt, Menschen zu lesen.
Vielleicht hast du gelernt, dich unsichtbar zu machen.
Vielleicht hast du gelernt, perfekt zu funktionieren.
Vielleicht hast du gelernt, niemandem zu vertrauen.
Vielleicht hast du gelernt, deine eigenen Bedürfnisse ganz nach hinten zu stellen.
Und vielleicht hast du gelernt, deine Gefühle irgendwie alleine auszuhalten.
Das alles hatte einmal einen Sinn.
Nur leider brauchen wir diese alten Schutzmechanismen heute nicht mehr in derselben Form, und trotzdem laufen sie weiter.
Aber die gute Nachricht ist:
Unser Gehirn kann ein Leben lang lernen und sich verändern.
Mit Bewusstsein, Geduld, Selbstmitgefühl und, wenn möglich, professioneller Unterstützung, können wir Schritt für Schritt lernen, alte Muster zu erkennen und neue Erfahrungen zu machen.
Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles gut ist.
Heilung bedeutet auch nicht, dass wir nie wieder getriggert werden, nie wieder Angst haben oder keine schwierigen Gefühle mehr bekommen.
Vielleicht bedeutet Heilung vielmehr, irgendwann verstehen zu können:
Ich bin nicht falsch.
Ich habe nur sehr früh gelernt, mich zu schützen.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas ganz Wichtiges,
dass wir aufhören, uns für die Wunden zu verurteilen, die andere uns zugefügt haben.
Dass wir anfangen, uns selbst mit dem Verständnis zu begegnen, das wir als Kind gebraucht hätten.
Denn wir waren damals nicht schwierig.
Wir waren Kinder, die versucht haben, mit einer Welt klarzukommen, die für sie viel zu schwer war.


