Freitag, 14. August 2026

Mein ganz persönlicher Urlaubskrimi

 

Mein ganz persönlicher Urlaubskrimi

Zwischen Fernweh und Fluchtreflex!

⧫ Es war mal wieder soweit!
Es zog mich wie ein Magnet ans Meer. Zuhause in meinen sicheren vier Wänden erscheint mir das immer wie eine fantastische Idee, wenn mich die Sehnsucht nach der Nordsee und meinen lieben Bekannten/Freunden weiter hoch in den Norden zieht.
 
Ich stelle mir dann romantisch vor, wie ich am Strand stehe, den Wind im Gesicht spüre, dem Meeresrauschen lausche und einfach glücklich bin. Ich sehe förmlich die perfekte Urlaubsszene vor mir. Möwen kreisen am Himmel, die Wellen rauschen und ich schlendere entspannt am Wasser entlang.
 
 Dass zwischen meiner Haustür und diesem idyllischen Sehnsuchtsort allerdings noch mehrere Stunden Autofahrt liegen – inklusive einer etwa 25-minütigen Fährfahrt, wenn nicht gerade Ebbe ist – verdränge ich zu diesem Zeitpunkt erfolgreich. Bei Ebbe dauert die Überfahrt natürlich länger, weil wir dann gefühlt mit Schrittgeschwindigkeit übers Wasser tuckern. Eine kleine Kreuzfahrt für Menschen mit sehr viel Geduld.
 
Mein Gehirn ist in diesen Situationen immer wieder erstaunlich kreativ. Es blendet unangenehme Details einfach aus, fast wie ein schlecht programmierter Urlaubsfilter. Meer, Strand, Entspannung – alles andere wird vorübergehend gelöscht.
 
 Doch ungefähr drei Tage vor der Abreise passiert etwas Merkwürdiges. Die Vorfreude bekommt plötzlich einen kleinen Bruder! 
 
Die Panik.
 
Langsam steigt die Anspannung. Diverse Vorbereitungen wie entspannende Traumreisen, Hörbücher oder das Einüben von Strategien gegen Angst und Panik während der Autofahrt verlieren plötzlich ihre Wirkung. Mein inneres Alarmsystem läuft bereits auf Hochtouren, obwohl ich noch gemütlich auf meinem Sofa sitze und eigentlich nur darüber nachdenke, welche Kleidung ich einpacken muss.
 
 Mein Kopf veranstaltet derweil eine komplette Krisensitzung:
Was wäre, wenn ich unterwegs eine Panikattacke bekomme?
Was wäre, wenn ich plötzlich Hilfe brauche und nicht weiterfahren kann?
Was wäre, wenn…?
 
Dieses „Was wäre, wenn?“ ist übrigens, wie schon einmal erwähnt, ein ausgesprochen fleißiger Mitarbeiter in meinem Gehirn. Es macht Überstunden, arbeitet am Wochenende und produziert mit beeindruckender Kreativität Probleme, die zum Glück meistens nur in meinem Kopf existieren. 
 
Mein Gehirn liefert auf jede Frage mindestens zehn völlig überflüssige Horrorszenarien. Es arbeitet dabei schneller als jedes Reisebüro, nur leider bieten sie dort ausschließlich Horrortrips an.
 
 Dieses Mal wollte ich besonders schlau sein. Ich habe mir extra Überlebens- und Bewältigungsstrategien für die Urlaubs anreise ausgedruckt.
Ein ganzer Stapel Papier voller hilfreicher Tipps, Übungen und beruhigender Gedanken.
 
Seiten feinster, kleingedruckter Psychologen-Tipps, versehen mit bunten Textmarker-Strichen in beruhigendem Pastellblau. Allein die Farbe sollte wahrscheinlich schon therapeutische Wirkung entfalten.
Unter Punkt 1 stand:
„Akzeptieren Sie das Gefühl der Panik als alten Bekannten, der Sie lediglich besuchen möchte.“
 
Aha.
Ein alter Bekannter also.
Komisch, dachte ich. Dieser Bekannte kommt aber immer unangekündigt, bringt schlechte Laune mit und weigert sich hartnäckig, wieder zu gehen.
 
 Trotzdem fühlte ich mich bestens vorbereitet.
Fast wie ein Pfadfinder, der in die Wildnis aufbricht, nur dass meine Wildnis aus Straßen, Baustellen, Umleitungen, einer Flussüberquerung und meinem eigenen Kopf besteht.
 
Die Unterlagen lagen ordentlich bereit. Ich hatte einen Plan. Einen Notfallplan. Einen Plan für den Fall, dass der Notfallplan nicht funktioniert. Eigentlich fehlte nur noch ein Erste-Hilfe-Koffer für meine Gedanken.
 
Am Abreisetag saß ich dann im Auto und betrachtete meinen sorgfältig vorbereiteten Ordner.
„Du bist vorbereitet“, sagte ich mir.
„Du hast alles dabei.“
Mein Kopf antwortete:
„Ja, wunderbar. Wir haben einen Ordner. Die Angst wird bestimmt beeindruckt sein und freiwillig verschwinden.“
 
 Leider zeigte sich meine Angst wenig beeindruckt.
Sie setzte sich gemütlich auf die Rückbank, schnallte sich an und erklärte, dass sie selbstverständlich mit in den Urlaub fährt.
 
Also gut. Dann eben gemeinsam.
Mein Mann als Fahrer - denn selber fahren? Um Gottes willen! Was da alles schiefgehen könnte - meine Angst und ein Ordner voller Bewältigungsstrategien auf dem Weg Richtung Nordsee.
Eine etwas ungewöhnliche Reisegruppe.
Aber immerhin eine, die einiges zu bieten hat.
 
Spätestens nach den ersten fünf Kilometern verfluche ich meine eigene Eingebung, an die See fahren zu wollen. Ich frage mich die nächsten 250 Kilometer, warum ich mir das eigentlich jedes Mal antue.
Warum bleibe ich nicht einfach zuhause?
In meiner Komfortzone? Mit der Decke über dem Kopf!
Dort ist es doch so schön kuschelig. Dort kenne ich jede Ecke, jede Wand und jede mögliche Fluchtroute. Dort könnte ich mich wunderbar in meinen sicheren vier Wänden verbarrikadieren und niemand würde mich zwingen, mich mit unbekannten, gefährlichen Situationen auseinanderzusetzen.
 
Nie wieder, schwöre ich mir während der Fahrt.
Nie wieder werde ich dieses unkalkulierbare Wagnis eingehen.
Nie wieder werde ich diese Angst aushalten.
 
 Natürlich ahne ich zu diesem Zeitpunkt schon, dass ich diesen Schwur ungefähr eine Woche nach der Rückfahrt wieder vergesse.
Und irgendwann passiert dann das Unglaubliche!
Man kommt heil an.
 
Der erste Blick aufs Meer, der Wind, der Geruch von Salz in der Luft und dieses Gefühl, endlich angekommen zu sein, lassen den ganzen inneren Ausnahmezustand plötzlich etwas kleiner werden.
 
Dann steht man da und denkt:
„Warum mache ich mir eigentlich jedes Mal vorher so einen Stress?“
Bisher habe ich immer überlebt. 
Leise kommt es von der Rückbank:
„Ja, bisher. Aber das muss ja nicht immer so sein.“
 
Mein Gehirn ist offensichtlich der Meinung, jeder Urlaub wäre ungefähr so riskant wie gemeinsames Schwimmen mit Haien.
 
 Aber die Anreise ist ja nur die erste Herausforderung.
Denn auch der Urlaub selbst ist für mich manchmal ein kleines Abenteuer. Da wären zum Beispiel die Treffen mit meinen lieben Freunden. Menschen, die ich sehr gerne habe und auf die ich mich eigentlich freue. 
 
Trotzdem läuft auch dort mein inneres Warnsystem gerne weiter im Hintergrund.
Mein Kopf fragt dann:
„Was, wenn es zu viel wird?“
„Was, wenn ich mich zurückziehen muss?“
„Was, wenn ich nicht so funktioniere, wie ich gerne möchte?“
„Was, wenn sie meine Panik, Depressionen und Anspannung bemerken?“
 
Während andere Menschen einfach gemütlich zusammensitzen, lachen und den Abend genießen, führt mein Gehirn parallel eine Sicherheitsprüfung durch.
Ein Teil von mir sitzt am Tisch und unterhält sich.
Der andere Teil trägt einen imaginären Bauhelm und kontrolliert die Notausgänge.
 
 Auch das Ferienhaus wird regelmäßig einer gründlichen psychischen Sicherheitsprüfung unterzogen.
Ist alles vertraut?
Fühlt es sich sicher an?
Wo kann ich mich zurückziehen?
Entspannen? Erst mal nicht. Mein Verstand behandelt die Unterkunft wie einen frisch bezogenen Bunker, bei dem man penibel prüfen muss, ob die Vorräte reichen und die Schlösser auch wirklich halten. 
 
Und dann sind da noch die Unternehmungen.
Eigentlich möchte ich sie machen. Eigentlich freue ich mich darauf.
Aber manchmal muss ich mich regelrecht dazu zwingen.
Mein innerer Schweinehund aus Depressionen, Angst und Anspannung hat dann eine ganze Armee aufgestellt:
„Heute lieber nicht.“
„Bleib doch einfach gemütlich hier.“
„Du könntest dich ausruhen.“
 
Meine Komfortzone winkt dabei verführerisch aus der Ecke und ruft:
„Komm zurück! Hier gibt es Sicherheit und keine Überraschungen!“
Aber genau dann weiß ich: Wenn ich immer nur dort bleibe, wo alles bekannt und sicher ist, verpasse ich vielleicht genau die Momente, die später die schönsten Erinnerungen werden.
 
 Denn trotz aller Angst, trotz aller Zweifel und trotz meines persönlichen inneren Sicherheitsdienstes passieren diese wunderbaren Dinge:
Ich sehe das Meer.
Ich treffe Menschen, die mir wichtig sind.
Ich erlebe schöne Momente.
Ich fahre wieder nach Hause und denke:
„Es war schwer. Aber ich habe es geschafft.“
 
Mein Gehirn ist also weiterhin überzeugt, dass jeder Urlaub eine Expedition in unbekanntes Terrain ist.
Aber vielleicht gehört genau das auch zu meiner Geschichte dazu.
Denn manchmal bedeutet Mut nicht, keine Angst zu haben.
Manchmal bedeutet Mut einfach, die Angst mitzunehmen, sie auf den Rücksitz zu setzen und trotzdem loszufahren.
 
Und manchmal muss man seiner Angst, Anspannung und Depression am Ende nur sagen:
„Du darfst mitkommen. Aber du bestimmst nicht die Richtung.“
 
 Nun sitze ich wieder zuhause in meiner kleinen Wohnung, auf meinem sicheren Sofa, in meinen vertrauten vier Wänden, umgeben von Dingen, die ich kenne und die keine unerwarteten Überraschungen bereithalten.
 
Die Nordsee-Reise ist wieder einmal geschafft. Ich habe sie überlebt. Ich war mutig. Ich habe meine Angst mitgenommen und ihr gezeigt, dass sie nicht immer das Sagen hat.
Und genau in diesem Moment passiert es:
Ich fange an zu träumen.
Nicht von der nächsten Fahrt zur Nordsee. Nein, mein Gehirn ist ja schließlich ein großer Fan von völlig realistischen Herausforderungen.
Ich plane gedanklich bereits eine Reise nach Bora Bora.
Türkisblaues Wasser, weiße Sandstrände, eine kleine Hütte über dem Meer, eine Rutsche direkt ins Wasser, Palmen im Wind und absolute Entspannung.
Ein wunderschöner Traum.
 
Natürlich sitzt meine Angst währenddessen wieder auf der Rückbank und meldet sich zu Wort:
„Bora Bora? Sehr schön. Und wie genau kommen wir da hin? Mit dem Auto? Mit dem Flugzeug? Was ist, wenn der Flug Verspätung hat? Was ist, wenn wir irgendwo umsteigen müssen? Was ist, wenn das Flugzeug abstürzt...?“
 
Und schon beginnt mein innerer Reiseplaner wieder mit der Arbeit.
Vielleicht bleibt Bora Bora also vorerst das, was es ist, ein wunderschöner Traum in meinem Kopf.
 
 Aber wer weiß?
Schließlich dachte ich früher auch, eine Fahrt an die Nordsee wäre ein völlig unmögliches Abenteuer.
Und am Ende stand ich dort.
Am Meer.
Mit Wind im Gesicht, Sand unter den Füßen und einer Angst, die sich vermutlich gerade fragte, warum sie eigentlich die ganze Strecke mitgefahren ist.
 
Vielleicht muss ich also irgendwann nur noch meiner Angst erklären, dass auch ein Flugzeug nur ein Auto ist, das beschlossen hat, die Straße zu verlassen.
Und vielleicht sitzen wir eines Tages tatsächlich auf Bora Bora.
 
Ich, mein Mann, meine Angst und natürlich ein Ordner voller Bewältigungsstrategien.
Man kann schließlich nie gut genug vorbereitet sein!
 
 
 

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