Willkommen zurück in meinem Kopf –
dem einzigen Ort, an dem Menschen innerhalb von Sekunden befördert, verbannt oder emotional hingerichtet werden können. Ohne Probezeit. Ohne Betriebsrat. Ohne Grauzone.
Der Therapeut – heute Yoda, morgen Voldemort
Therapie beendet. Ich verlasse den Raum und fühle mich wie die Hauptfigur in einem Marvel-Film: stark, motiviert, innerlich aufgeräumt.
Zehn Minuten später beginnt die Nachanalyse: Ein Wort, ein Blick, eine winzige Andeutung, die sich nach Kritik anhört – vielleicht harmlos, vielleicht nur ein unschuldig daherkommendes Wörtchen – und schon ist mein Therapeut wieder Darth Vader. Ich sitze im Auto, starre auf die Straße und überlege, ob ich ein „Nie-wieder-sehen“-Schild bestellen soll.
Zuhause wird die komplette Dramastufe ausgelöst. Rumpelstilzchen verweigert jede weitere Zusammenarbeit mit einem so finsteren Seelengnom.
„Oh Gott, der Therapeut hat diese eine Bewegung gemacht… ich bin ruiniert.“
Ich: „Vielleicht war es harmlos?“
Gehirn: „Nein. Alles war Absicht. Totale psychische Katastrophe. Alarmstufe Rot.“
„Nach reiflicher Überlegung habe ich beschlossen, meine Seele einem anderen Menschen anzuvertrauen – oder einfach komplett aufzugeben.“
Schwarz-Weiß-Denken? Absolut.
Der Arzt – vom Adoptiv-Onkel zum Superschurken
Der Arzt ist da auch nicht besser. Beim Termin:
Ich finde ihn nett. Sympathisch. Er hört zu. Nimmt mich ernst. Fast schon verdächtig, aber ich lasse es gelten.
Im Auto – oder spätestens zu Hause, unter der Dusche – startet mein Kopf die Analyseshow:
„Moment mal… hat er das wirklich gesagt?“ Mein Gehirn spielt alles noch einmal ab: meine Fehler, meine Monologe, der arme Kerl kam gar nicht zu Wort, weil mein Kopf mal wieder schneller gerattert hat, als er sprechen konnte. Jetzt hasst er mich abgrundtief – dieser Pfuscher im weißen Kittel.
Plötzlich frage ich mich, ob er heimlich Teil einer Verschwörung ist. Ich google Dinge, analysiere Worte, recherchiere Tonfall und vielleicht sogar seine Schuhgröße.
Ergebnis: Er ist natürlich verdächtig, unzuverlässig und… nett? Nein – Dr. Grausam, zu dem ich nie wieder in die Praxis möchte.
Familie – ein Minenfeld der Gefühle
Ein falsches Wort, und ich verfallen in eine stille, dramatische Innendepression, für die eigentlich ein Orchester engagiert werden müsste.
Niemand merkt etwas – aber in mir läuft gerade eine Mischung aus Spiel mir das Lied vom Tod und Einer flog über das Kuckucksnest. Familie? Wer braucht schon Familie.
Am besten auswandern, in eine einsame Hütte mitten in der kanadischen Wildnis. Nur ich und mein ehelicher Chaoskompagnon, der für warme Kleidung und Jagdbeute sorgt. Ich bin der Menschheit überdrüssig.
Freunde – heute Engel, morgen Kryptonit
Beim ersten Treffen: Seelenverwandtschaft. Ich sehe uns schon gemeinsam auf einem Roadtrip durch Italien, philosophierend über das Leben und uns gegenseitig die letzten Oliven überlassend.
Beim zweiten Treffen sagt die Person aber:
„Ich mag keine Oliven.“
Und ich so innerlich: Danke fürs Gespräch, wir haben keinerlei gemeinsame Werte und stammen offensichtlich aus komplett gegensätzlichen Universen.
Ein Freund schickt mir eine Nachricht:
„Lust auf Kaffee?“
Ich: „Ja! Großartig! Wir sind beste Freunde!“
Er antwortet zwei Stunden später:
„Ne, doch nicht.“
Ich: „Betrug! Verrat! Emotionaler Mord!“
Mein Gehirn: „Sofortige Deaktivierung aller Sozialkontakte empfohlen.“
Ich vs. mein Gehirn – das kleine, miese, schwarze Encephalon
Ich versuche, in Grautönen zu denken. Versuche zu akzeptieren, dass Menschen gleichzeitig gut und schlecht sein können.
Mein Gehirn: „Falsch. Alles ist entweder heroisch oder katastrophal. So funktioniert Logik.“
Ich: „Vielleicht sollten wir zusammen meditieren.“
Gehirn: „Meditation abgelehnt. Ich leite jetzt die Katastrophenphase ein. Alles in den Panic Room. Und vergiss die Verpflegung nicht.“
Ich beziehungsweise mein Gehirn ist wie Wikipedia, nur emotional instabiler:
Eine Person kann sich mit einem einzigen Satz von „absoluter Herzensmensch“ zu „Kategorie: problematisch, bitte mit Schutzhandschuhen anfassen“ entwickeln.
Vielleicht ist mein Gehirn gar nicht der Feind.
Vielleicht ist es einfach ein übermotivierter Sicherheitsdienst, der bei jeder Kleinigkeit Alarm schlägt:
„ACHTUNG, MÖGLICHE KRÄNKUNG IN 300 METERN!
SCHUTZMECHANISMEN AKTIVIEREN!
ALLE GEFÜHLE AUF MAXIMALE INTENSITÄT SETZEN!“
Während andere entspannt in Grautönen leben, stehe ich da mit meinem Schwarzmarker und male alles entweder tiefschwarz oder blendendweiß – und frage mich, warum das Bild so anstrengend aussieht.
Man weiß nie: Bin ich heute verliebt in die Menschheit oder möchte ich mich vom gesamten sozialen Kontakt offiziell abmelden?
Und dann lache und weine ich gleichzeitig. Über mich selbst. Über die Extreme. Über die Tatsache, dass ich ein Gehirn habe, das Schwarz und Weiß liebt – und dass es trotzdem irgendwie funktioniert.

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