Donnerstag, 4. Dezember 2025

Stark wirken, zerbrechlich fühlen

 

Wenn Stärke zur Maske wird- Hinter dem Lächeln

Wenn Stärke zur Maske wird- Hinter dem Lächeln
 
Sie lächelte. Immer.
Zuverlässig. Freundlich. Loyal.
Diejenige, die alles im Griff hatte, die niemand enttäuschte.
Diejenige, die man fragte, wenn man selbst nicht weiterwusste.
 
Niemand bemerkte die Nächte, in denen sie wach lag, das Herz schwer, die Gedanken wie ein endloses Karussell.
Niemand sah die stillen Tränen auf dem Badezimmerboden, den Versuch, leise zu sein, damit niemand sie hört.
Niemand sah die Hände, die sich krampften, nur um nicht auseinanderzufallen.
 
Sie funktionierte. Immer.
Bei der Arbeit, in der Familie, in der Beziehung.
Und genau deshalb fragte niemand: „Geht es dir wirklich gut?“
 
Sie hatte gelernt:
Wer stark wirkt, wird in Ruhe gelassen.
Wer zu viel zeigt, wird zur Last.
Wer schwach ist, verliert die Menschen um sich.
 
Also spielte sie die Rolle, die von ihr erwartet wurde.
Die Perfekte in der Schule.
Die Zuverlässige bei der Arbeit.
Die Verständnisvolle in der Beziehung.
Diejenige, die nie zu viel forderte, die nie laut wurde, die stets verzieh – nur sich selbst nicht.
 
Doch hinter dem Lächeln tobte ein Sturm.
Jeder Tag ein Balanceakt zwischen Maske und Erschöpfung.
Jeder Schritt ein Kampf, nicht unterzugehen.
Jeder Blick in den Spiegel ein stummer Dialog:
„Reicht es, wenn ich funktioniere?“
 
Sie war Meisterin im Überspielen.
Sie konnte lachen, während in ihr alles zerschellte.
Sie konnte helfen, während sie selbst am Boden war.
Sie konnte zuhören, während ihr Herz nach Hilfe schrie.
 
Bis der Tag kam, an dem nichts mehr ging.
Nicht mit einem Knall, sondern mit einem leisen Zusammenbrechen.
Ein Augenblick der Leere, in dem alles, was sie hochgehalten hatte, entglitt.
 
„Funktionieren ist keine wahre Stärke“.
„Es ist ein Überlebensmechanismus.
Ein Mantel, den wir tragen, um nicht zu zerbrechen.
Aber darunter kann die Seele leise bluten.“

 
Heute ist sie älter.
Und sie lernt, wirklich zu antworten, wenn jemand fragt:
„Wie geht’s dir?“
Nicht aus Pflichtgefühl.
Nicht aus Angst vor Ablehnung.
Sondern aus dem Wunsch, gesehen zu werden.
 
Sie übt, ehrlich zu sein.
Zu sagen, wenn sie müde ist, traurig, wütend oder überfordert.
Zuzugeben, dass sie manchmal nicht mehr kann.
Zuzulassen, dass andere ihre Menschlichkeit erkennen.
 
Manchmal lächelt sie immer noch –
aber nicht mehr nur, um zu funktionieren.
Sondern weil sie spürt, dass es genug ist, einfach Mensch zu sein.
 
Mit all ihrer Verletzlichkeit.
Mit all ihrem Schmerz.
Mit all ihrer Kraft, die darin liegt, sich selbst und ihre Gefühle anzunehmen.
 
Und das leise, mutige Geschenk, das sie sich selbst macht:
Zu sagen:
„Ich bin nicht perfekt. Ich kämpfe. Ich lebe. Und ich lasse mich sehen.“
 
  
 

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