Donnerstag, 11. Dezember 2025

Wenn Wege sich trennen

 

Borderline Verlorene Freundschaften und die Stille, die bleibt

Verlorene Freundschaften und die Stille, die bleibt
 
Verlorene Freundschaften hinterlassen einen Raum, der nicht mehr klingt wie früher.
Man hört manchmal noch das Echo eines gemeinsamen Lachens, als würde es irgendwo im Hinterkopf festsitzen – wie ein Song, den man nicht aus dem Kopf bekommt, nur dass man ihn dieses Mal nicht mitsingen möchte. 
 
Und irgendwann merkt man, dass etwas fehlt. Ein vertrauter Mensch. Ein vertrautes Gefühl. Vielleicht auch einfach jemand, der wusste, wie man den Kaffee mochte. Kleine Dinge. Große Leere.
 
Die Schwere von Nähe – besonders für Menschen mit intensiven Emotionen
 
Für Menschen, die mit der Wucht intensiver Emotionen leben – wie viele, die Borderline-Erfahrungen machen – tragen Freundschaften oft ein Gewicht, das niemand von außen sieht.
 
Da ist kein oberflächliches „wir treffen uns mal wieder“ – es ist eher ein „Hier, ich reiche dir mein ganzes Innenleben, bitte nicht fallen lassen“. Und ironischerweise passiert genau das manchmal schon bei der minimalsten Erschütterung.
 
Man wünscht sich Nähe, aber gleichzeitig steht da dieses innere Warnschild, das blinkt wie eine kaputte Ampel:
Achtung, Gefahr! Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht nur Baustelle? Wer weiß das schon.
 
Neue Freundschaften: Ein Tanz auf dünnem Eis
 
Neue Freundschaften fühlen sich dann an wie ein Tanz auf dünnem Eis – und wenn man Pech hat, auch noch in ausgeliehenen Schlittschuhen, die zu groß sind.
Jeder Schritt könnte ein Einbruch sein. Jeder Blick könnte zu viel bedeuten. Jeder Satz könnte zu wenig sein.
 
Und manchmal möchte man laut schreien:
„Könnte bitte einmal jemand einfach verständlich sein?!“
Aber nein – andere Menschen neigen dazu, kryptische Andeutungen zu machen oder einfach „ok“ zu schreiben, dieser furchtbaren, zweideutigen Nachricht, die alles und nichts bedeuten kann.
 
Wenn Freundschaften nicht leise enden – sondern explodieren
 
Manchmal endet eine Freundschaft nicht in einem sanften Auslaufen – sondern in einem lauten Knall.
Wenn es schiefgeht, dann richtig.
Wie ein Film, in dem man selbst die Hauptrolle spielt, aber leider auch der Feuerwerkskörper ist. Ein Wort, ein Missverständnis, ein Blick, der zufällig falsch interpretiert wurde – und zack, man explodiert emotional wie ein schlecht geplanter Silvesterböller aus dem Discounter.
 
Danach sitzt man da, zwischen den metaphorischen Trümmern, und denkt sich:
War das wirklich nötig?
Der Sturm ist vorbei, der Schaden angerichtet. Zurück bleibt eine Leere, die sich schwer anfühlt. Und vielleicht ein kleines bisschen peinlich. Aber vor allem: schmerzhaft.
 
Die Einsamkeit, die bleibt – und niemals Miete zahlt
 
Die Einsamkeit danach ist nicht einfach nur ein bisschen Stille – sie ist dieses drückende Gefühl, das im Brustkorb wohnt und einfach nie die Miete zahlt.
Sie sitzt im Raum, als hätte sie beschlossen, dauerhaft einzuziehen.
 
Manchmal macht sie sich nicht bemerkbar, manchmal ist sie so präsent, dass man sie gerne anschreien würde.
Oder mit ihr verhandeln:
„Komm schon, kannst du heute nicht einfach mal Pause machen? Ich hab wirklich genug.“
Und der Schmerz… er vergeht nicht.
Er verändert nur seine Form.
Er taucht wieder auf in Musik, in alten Fotos, in Gesprächen, die an etwas erinnern, das man verloren oder selbst zerstört hat.
Er sitzt in stillen Nächten neben einem, in der Dunkelheit, wenn es nichts gibt, was ihn übertönt.
 
Er bleibt, wie eine vertraute Traurigkeit, die man irgendwann nicht mehr bekämpft, sondern einfach mit sich trägt.
Verlorene Freundschaften hinterlassen keine klaren Narben.
Sie hinterlassen Abdrücke – unsichtbar, aber schwer.
 
Wenn man sich fragt, ob alles anders hätte kommen können
 
Manchmal fragt man sich, ob etwas anders hätte enden können, wenn man weniger Angst gehabt hätte. Oder mehr Mut. Oder mehr Halt von außen.
Doch solche Gedanken haben keine Antworten.
Sie drehen sich nur im Kreis – und schmerzen weiter.
 
Am Ende bleibt die Tatsache, dass Verlust ein ständiger Begleiter ist.
Nicht als Drama.
Nicht als Lektion.
Sondern als eine leise, tiefe, unauflösbare Spur, die nicht verschwindet, egal wie viele Menschen später kommen oder gehen.
 
Mit zunehmendem Alter schrumpfen die Kreise
 
Mit den Jahren verändert sich nicht nur der eigene Blick auf Freundschaften – auch die Welt um einen herum tut es.
Während man früher ständig neue Menschen traf, überall, in jeder Phase, scheint das Leben irgendwann enger zu werden.
Die Kreise kleiner. Die Begegnungen seltener.
 
Fast so, als würde man in einem Spiel aufsteigen, nur um festzustellen, dass in höheren Leveln weniger Mitspieler unterwegs sind.
Und für jemanden, der ohnehin schon mit der Angst vor Nähe lebt – und gleichzeitig unter ihrem Fehlen leidet – kann das atemberaubend beängstigend sein.
 
Wenn einfach niemand mehr kommt
 
Denn mit fortschreitendem Alter kommen nicht automatisch mehr Menschen.
Manchmal kommen einfach gar keine mehr.
Die meisten sind beschäftigt mit Familien, Karrieren, Routinen.
Manche haben keine Energie mehr für neue Bindungen.
 
Andere haben gelernt, emotional sparsam zu sein:
„Freundschaften? Ach, die reichen, die ich habe.“
Und man selbst steht da und denkt:
Ja schön. Wunderbar. 
 
Es fühlt sich an, als würden sich die Türen, durch die man früher Menschen kennengelernt hat, eine nach der anderen schließen.
Freundschaften im Erwachsenenalter wirken plötzlich wie seltene Naturphänomene – faszinierend, aber unberechenbar oder unerreichbar.
 
Die Angst vor einem späteren Leben in Einsamkeit
 
Und dann ist da die Angst.
Die ganz leise, ganz tiefe.
Die, die nachts besonders laut wird, wenn alles ruhig ist:
Die Angst, eines Tages dazusitzen – älter, erschöpfter, stiller – und festzustellen, dass niemand mehr da ist.
Dass niemand mehr kommt.
Dass niemand mehr bleibt.
Dass man vielleicht wirklich irgendwann allein alt wird – mit zu viel Zeit und zu wenig Menschen.
 
Diese Angst ist nicht melodramatisch.
Sie ist real.
Sie nagt in Momenten, in denen man sich eingesteht, dass neue Verbindungen schwerer werden, wenn man nicht mehr zwanzig ist.
Dass die Chancen sinken.
Dass man nicht mehr „natürlich hineinrutscht“ in neue Kreise.
Dass man manchmal eher das Gefühl hat, man stünde draußen und würde durch ein Fenster schauen.
 
Wenn sogar Pflanzen stabiler wirken als eigene Bindungen
 
Manchmal ertappt man sich sogar bei dem humorlos-humorvollen Gedanken:
„Wenn das so weitergeht, werde ich irgendwann eine alte Person mit drei Pflanzen, die alle mehr soziale Stabilität haben als ich.“
 
Und ja, man lacht darüber – aber es ist das Lachen, das schmerzlich brennt.
 
Denn tief im Inneren bleibt die Angst, dass man nicht nur Menschen verloren hat – sondern irgendwann auch die Chance verliert, neue zu finden.
Dass man nicht mehr jemand ist, zu dem andere Kontakt suchen.
Sondern jemand, der einfach… übersehen wird.
 
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus dem schlichten, schmerzhaften:
„Menschen haben ihr Leben – und man ist nicht mehr Teil davon.“
 
Die Frage, die bleibt
 
Für jemanden, der jede Form von Nähe ohnehin schon mit Vorsicht, Sehnsucht und Angst erlebt, kann dieser Gedanke wie ein Knoten im Magen sein. Ein Knoten, der nicht kleiner wird.
 
Der Schmerz des Verlustes bleibt.
Die Einsamkeit bleibt oft auch.
 
Und mit jedem Jahr kommt die Frage leiser, aber eindringlicher:
„Was, wenn wirklich niemand mehr kommt?“
Ein Satz, der schwer ist.
Ein Satz, der bleibt.
 
Ein Satz, der einem mehr Angst macht, als man manchmal zugeben kann.
 
 
 

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