Donnerstag, 11. Dezember 2025

Grenzenlos: Sucht, Schmerz, Überleben

 


Meine Achterbahn: Suchtverhalten, Borderline und Überleben 
 
Stellt euch vor: ein neunjähriges Kind steht mitten im Karussell des Lebens. Andere Kinder rennen lachend durch Pfützen oder streiten über Legosteine. Ich? Ich sitze in meinem inneren Kontrollraum, Herzklopfen inklusive, und überlege, wie ich an die Medikamente meiner Wahl komme, die alle Ecken so schön abschleifen und die Realität ausblenden helfen – die all die negativen Gefühle in eine verschlossene Truhe verbannen.
 
Warum? Weil ich in einem Zuhause aufwuchs, das oft toxisch und von Gewalt geprägt war. Mein Suchtverhalten – Essen, später Alkohol und Drogen – war nicht nur Rebellion, sondern eine Überlebensstrategie. Ein Versuch, inmitten eines emotionalen Tornados und einer mir feindlich gesinnten Umwelt wenigstens ein bisschen Ruhe und Schutz zu finden.
 
Essen – mein geheimer Superheld
 
Mein erster Verbündeter war das Essen. Kekse, Schokolade, ein heimlicher Snack zwischendurch – alles, um den inneren Sturm für ein paar Minuten zu beruhigen.
Ich erinnere mich an Momente, in denen ich wie ein kleiner Ninja – in bester Kill Bill-Manier, natürlich nur mit Schokoriegeln bewaffnet – durch die Küche schlich. Jeder Schritt war gedämpft, jeder Atemzug kontrolliert, während ich versuchte, die Tüte Chips sicher ins Zimmer zu schmuggeln und dabei so leise war, dass ich selbst über mich erschrak. Herzklopfen inklusive, als hätte ich gerade einen Diamanten geklaut. 
 
Oder die Zeit, als ich Schokoriegel hinter dem Bücherregal versteckte und beim Hinsetzen prompt einen kleine Schokoladenregen auslöste.
Und ja, Schokolade ist immer noch erlaubt. Schließlich war sie mein treuer Begleiter durch so manche graue Stunde.
 
Alkohol & Drogen – die wilde Fahrt
 
Als Teenager und junge Erwachsene wurde die Achterbahn schneller, schräger und gefährlicher. Alles, was irgendwie beruhigend oder betäubend wirkte, wurde ausprobiert – nicht nur aus Rebellion, sondern aus schlichtem Bedürfnis: „Lass mich für einen Moment stillstehen in diesem Sturm.“
 
Manchmal war die Stille so verlockend, dass ich ganze Schulstunden wortwörtlich verpennt habe – nicht nur geistig abwesend, sondern tief im Schlummerland des Vergessens. Zum Glück wählte ich die AG „Drogensucht“, (tarnen ist alles – und hey, ich wollte wenigstens etwas Nützliches lernen 😅).
 
Einige Eskapaden waren, sagen wir mal, chaotisch und nicht gerade lebensfroh. Ich erinnere mich an Nächte, in denen ich mehr über meine Gefühle nachdachte, als die meisten Menschen in einem ganzen Monat – begleitet von Getränken und anderen Dingen, die versprachen, die Gefühlsintensität auszuschalten.
Einmal wachte ich im Krankenhaus auf – und ganz Borderline-mäßig verliebte ich mich prompt in den Arzt, der mich kurz vorher noch körperlich gerüffelt hatte, weil ich mich in meiner rosaroten Fantasiewelt partout nicht auf seine „Lebenrettung“ einlassen wollte.

Dabei stehe ich doch gar nicht auf SM… oder etwa doch? Moment Kopfkino!
Okay, okay… mal ehrlich – ich könnte jetzt über SM schreiben, schließlich sind Borderliner ja bekanntlich nicht abgeneigt, wenn es ein bisschen Gefühls-Action, Grenzerfahrungen oder Drama gibt. 
 
Aber nein, an dieser Stelle halte ich es lieber kurz. Außerdem will ich nicht, dass ihr denkt, ich hätte einen geheimen Fetisch-Blog gestartet.
Manchmal ist Schweigen eben die beste Überlebensstrategie – und in diesem Fall einfach die klügste Art, sich Ärger zu ersparen. Schließlich bin ich diesbezüglich so unschuldig und ahnungslos wie ein Goldfisch im Bücherregal. 
 
Oder wie die Zeit, als ich mit dem Motorrad in der Garagentür hängenblieb und komplett auf Hilfe angewiesen war, um mich aus meiner misslichen Lage zu befreien – zwei Räder sind eben nur bedingt geeignet, wenn das innere Gleichgewicht stark schwankt. Zum Glück habe ich es nicht einmal aus der Garage geschafft. Wegen Strafrechtlich und so.

Heute lache ich darüber – früher war mir weniger zum Lachen.
 
Humor – der geheime Rettungsring
 
Humor hat mir aber schon damals oft den Kopf über Wasser gehalten. Wenn meine Gefühle Karussell fahren, stelle ich mir vor, dass sie kleine, wild gewordene Theaterfiguren sind: laut, dramatisch, völlig überdreht. Ich sitze daneben, Popcorn in der Hand, und sage: „Okay, ihr könnt toben, ich gucke euch eine Runde zu.“
 
Oder wie die kleine Drama-Queen in mir, die jede Kleinigkeit in ein episches Theaterstück verwandelt: der verschüttete Kakao wird zur Katastrophe des Jahrhunderts, der verpasste Bus zur Tragödie. Humor bedeutet nicht, dass alles leicht ist. Es bedeutet nur: ich kann kurz Abstand gewinnen, bevor ich handle oder in Panik gerate – und das Chaos aus sicherer Entfernung betrachten.
 
 Meine Tricks für stürmische Tage
 

  • Gefühle benennen: „Ah, da ist Wut, da ist Traurigkeit, da ist Langeweile.“ Wer benennt, verliert ein Stück Chaos.
  • Mini-Routinen: Kleine Anker im Alltag – Spaziergang, Musik, Malen, Basteln, Schreiben, Tanzen durchs Wohnzimmer.
  • Reden: Freundinnen, Therapeutinnen, Selbsthilfegruppen. Zuhören reicht oft schon. Lösung optional.
  • Selbstironie: Über sich selbst lachen – nicht, um sich zu erniedrigen, sondern um die Achterbahn zu überleben.

Wie man auf der Achterbahn überlebt
 
Mein Suchtverhalten begann als Überlebensstrategie in einem schwierigen Elternhaus. Es brachte mich oft in verrückte Situationen – aber ich habe überlebt.
Heute weiß ich:
 

  • Überleben ist ein Sieg. Auch wenn es sich manchmal anfühlt wie ein wackliges Einrad auf Eis.
  • Humor ist ein Rettungsring. Lachen über das Chaos hilft, die Wellen etwas leiser zu machen.
  • Kleine Tricks und Routinen sind Superkräfte: Spaziergänge, Musik, Tagebuch, kreative Eskapaden – alles erlaubt.
  • Gefühle aushalten, ohne sofort zu handeln, kann paradoxerweise das stärkste Werkzeug sein.
  • Selbstfürsorge ist keine Belohnung, sondern Pflicht: Mal einen Kaffee, mal eine Pause, mal einfach „Ich darf sein, wie ich bin.“

Suchtverhalten ist kein Versagen. Es ist ein Zeichen, dass das Leben zu intensiv war – besonders, wenn man bis zu zehnmal stärker fühlt.
 
Wer überlebt, hat schon gewonnen. 
 
Und manchmal darf man dabei lachen, tanzen, laut singen, weinen oder sich selbst anerkennend zunicken – denn genau das, überleben mit Würde und ein bisschen Witz, ist die echte Meisterleistung.
 
 
 
 

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