„Borderline wird mit dem Alter besser“ – oder: Wer hat die Einladung verschlampt?
„Borderline wird mit dem Alter besser“, sagen sie.
Insbesondere ab dem 30. Lebensjahr soll sich angeblich alles stabilisieren.
Wer hat eigentlich vergessen, meinem Borderline - Monster die Einladung zu meinem 30. Geburtstag zu schicken?
Symptom-Upgrade statt Symptom-Update
Ich habe meine Diagnose schließlich erst mit 35 bekommen – und bestimmt nicht, weil ich vor innerer Stabilität geglänzt habe wie ein tibetischer Mönch im Sonnenaufgang.
Bei mir haben sich die Symptome nicht einfach „verbessert“. Sie sind eher umgezogen, haben renoviert und ihr Konzept modernisiert.
In jungen Jahren standen bei mir eher die Klassiker im Vordergrund: Sucht, Selbstzerstörung und die verzweifelte Kunst, die intensiven Gefühle – besonders Angst, innere Wut und Selbsthass – irgendwie zu betäuben. Das heißt nicht, dass der Suchtdruck heute völlig verschwunden ist. Er schaut in Krisen oder in überfordernden Situationen noch gelegentlich vorbei … so wie ein nerviger Ex, der angeblich „nur kurz sehen will, wie es mir geht“.
Suchtdruck auf Besuch – aber ohne Wohnungsschlüssel
Aber immerhin bilde ich mir ein: Ich komme besser klar damit. Meistens ist es nur noch ein Aufflackern. Ein kleines inneres „Hallo, erinnerst du dich noch an mich?“ – und ich so: „Ja, aber ich lasse dir trotzdem keinen Wohnungsschlüssel mehr da.“
Manchmal klopft er noch etwas dramatisch gegen meine innere Tür, ein Ex der um drei Uhr nachts mit einer verschwitzten Rose und schlechter Musik im Hintergrund vor dir steht.
Früher hätte ich wahrscheinlich noch Kaffee angeboten und mir seine wildesten Versprechen angehört. Heute lasse ich ihn kurz im Hausflur stehen, nicke höflich und schiebe ihm gedanklich einen Flyer unter der Tür durch: „Vielen Dank für Dein Interesse. Schön, dass du da bist. Noch schöner, dass du draußen bleibst."
Impulsivität Deluxe & Selbstwert im Erdinneren
Auch meine Impulsivität war früher… sagen wir… imposanter.
Der Mund öffnete sich grundsätzlich schneller als das Gehirn „NEIN!“ schreien konnte. Dazu das verzweifelte Festhalten an toxischen Beziehungen – gewürzt mit Suiziddrohungen und düsteren Gedanken, weil die Angst vor dem Alleinsein größer war als Selbstachtung oder Selbstschutz.
Mein Selbstwert war übrigens nicht im Keller – dafür hätte man erstmal einen finden müssen. Der lag irgendwo unter der Erdkruste, in einer vergessenen Abstellkammer der Hölle.
Schwarz-Weiß-Denken auf olympischem Niveau
Was heute manchmal extremer ist: das legendäre Schwarz-Weiß-Denken. Menschen sind entweder Engel oder Dämonen – meistens wechseln sie diese Rolle mehrmals täglich. Idealisierung und Abwertung sind mein olympischer Zweikampf, und mein Identitätsgefühl gleicht einer schlecht abgestimmten Radiofrequenz irgendwo zwischen „Wer bin ich?“ und „Ich bin ALLES!“. In der Jugend hing mir lange diese kindliche Naivität an, die das etwas ausgeglichen hat, was nicht heißt, dass es nicht vorhanden war, meistens hat aber eben die Naivität gewonnen.
Freundschaften: Früher Fußabtreter, heute Stacheldraht
Freundschaften waren damals ironischerweise oft stabiler – allerdings nur, weil ich mir viel zu viel gefallen ließ. Ich war anpassungsfähig, verständnisvoll, loyal bis zur Selbstaufgabe. Vielleicht auch, weil ich damals meist auf andere Weise unterwegs war, als die nüchterne Realität es vorgesehen hätte… oder sagen wir, ich bin lieber auf fantasievolleren Pfaden lustgewandelt. 
Heute sieht das anders aus.
Heute wehre ich mich. Ich setze Grenzen. Vielleicht zu hart, zu schnell, zu kompromisslos. Viele Freundschaften zerbrechen nicht mehr daran, dass ich mich verliere, sondern daran, dass ich mich endlich schütze – nur eben noch mit etwas zu viel Stacheldraht und zu wenig Feingefühl. Da muss ich eindeutig noch Hausaufgaben machen.
Dating damals: Adoptiert statt gedatet
Früher waren Beziehungen zum anderen Geschlecht bei mir weniger „Kennenlernen“ sondern mehr „emotionales Fallschirmspringen ohne Fallschirm“.
Ich habe nicht gedatet, ich habe adoptiert – immer nur die ganz besondere Sorte: durchsetzungsstark, hart, tätowiert und reichlich problembehaftet. Nach dem ersten tiefen Blick wusste ich: Das ist meine Seelenverwandtschaft, mein Schicksal, meine letzte Hoffnung auf gegenseitige Erlösung.
Am zweiten Tag plante ich innerlich bereits unser gemeinsames Leben, drei Hunde, eine Traumhochzeit und das ich der einzige Mittelpunkt seiner Welt werde.
Bindung bedeutete für mich: Verschmelzung oder Vernichtung – irgendwas dazwischen kannte ich nicht.
Jede geringste Veränderung im Verhalten des anderen interpretierte ich wie eine NSA-Analyse: „Warum antwortest du zwei Minuten später? LIEBST DU MICH ÜBERHAUPT NOCH?“ Hast du mich jemals geliebt?
Heute ist Beziehung, was ja nur noch Freundschaft betrifft… nun ja… langsamer. Vernünftiger. Meistens.
Nähe heute: Katze trifft Gurke
Ich springe nicht mehr immer mit Anlauf ins Gefühl, sondern taste mich häufiger zögerlich ran wie eine Katze an eine fremde Gurke. Ich kann Nähe inzwischen bis zu einem gewissen Maß zulassen – ohne mich dabei komplett aufzulösen. Und Distanz aushalten – ohne gleich innerlich eine Beerdigung zu planen.
Die Verlustangst ist noch da, klar. Die verlässt die Bühne nie ganz.
Aber sie sitzt heute eher in der letzten Reihe und ist nicht mehr die Regisseurin meines Lebens.
Die (leicht erweiterten) mittleren Jahre
Mittlerweile befinde ich mich wohl in den sogenannten „mittleren Jahren“.
Okay, okay… vielleicht schon leicht darüber.
Ich lebe inzwischen lange in einer funktionierenden Partnerschaft – hauptsächlich, weil mein Partner unglaublich verständnisvoll ist… und weil ich reflektierter geworden bin. Ein Wunder, ich weiß. Andere Symptome haben dadurch allerdings die Hauptrolle übernommen.
Rumpelstilzchen, aber in der Light-Version
Ich habe zwar immer noch gelegentlich einen Rumpelstilzchen-Auftritt (die Kunst stirbt nie), aber die Intensität der plötzlichen, emotionalen „Zerlegung“ meines Gegenübers hat im Vergleich zu meiner Jugend deutlich nachgelassen. Und vor allem: Diese explosionsartigen Momente bringen mich heute kaum noch in wirklich gefährliche Situationen. Meistens nur in… soziale Peinlichkeit. Fortgeschrittene Version, versteht sich.
Gefühlsleben in Dolby Surround
Verstärkt hat sich bei mir hingegen die affektive Instabilität:
Ausgeprägte Stimmungsschwankungen, von überschwänglicher Euphorie bis zu „Sprich mich nicht an, sonst weine ich oder beiße“. Und vor allem: Todesangst und Panikattacken. In meiner Jugend waren sie eher diffus, sporadisch, so ein leises Hintergrundrauschen.
Heute haben sie offenbar auf Dolby Surround Sound umgerüstet.
Leere auf Homeoffice & Dissoziation auf Abruf
Das chronische Gefühl der Leere hat sich mit den Jahren immerhin etwas zurückgezogen. Es taucht ab und zu noch auf, winkt kurz aus dem Schatten und sagt „Na, vermisst du mich?“ – aber es ist kein Dauergast mehr. Eher so ein entfernter Bekannter, den man auf Familienfeiern höflich ignoriert.
Auch die dissoziativen Symptome sind seltener geworden. Ganz weg sind sie nicht – sie stehen weiterhin bereit wie schlecht gelaunte Bodyguards, die nur auf den passenden Trigger oder ein wenig Kritik warten, um mich elegant aus dem Hier und Jetzt zu katapultieren.
Selbstbild stabil, Selbstwert… na ja
Und mein Selbstbild?
Nun ja – das hat sich tatsächlich stabilisiert. Früher hatte ich das Gefühl, das personifizierte Böse zu sein…
Heute weiß ich: So schlimm bin ich gar nicht.
…na gut… vielleicht ein bisschen.
(Scherz. Oder?)
Natürlich nicht zu verwechseln mit meinem Selbstwert – der steckt weiterhin meistens in der Inflation und schwankt wie ein Fieberthermometer in der Sauna.
Mission erfüllt – vielleicht.
Und während ich das schreibe, denke ich: Naja, besser als erwartet.
Irgendwie habe ich es geschafft, ohne allzu viele Katastrophen durchs Ziel zu stolpern.
Ob es elegant war? Absolut NICHT.

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