Samstag, 13. Dezember 2025

Freundschaft oder Gehirntraining?

Gefangen in Freundschaften, die dich immer wieder runterziehen Der ungebetene Kritiker auf Lebenszeit


Gefangen in Freundschaften, die dich immer wieder runterziehen
Der ungebetene Kritiker auf Lebenszeit

Bisweilen frage ich mich, ob manche Freundschaften heimlich einen Vertrag mit meinem inneren Kritiker abgeschlossen haben. Es gibt Freunde, die einen einfach begleiten – und dann gibt es die anderen, die ständig Verbesserungsvorschläge parat haben. Nach einem Treffen mit ihnen denkt man: „Cool, ich weiß jetzt, was ich alles falsch mache – aber wo war noch mal der Ausgang?“

Denn da ist sie, die ständige Kritik an meiner Person. Nicht konstruktiv, nicht liebevoll, sondern eher wie ein schlecht gelaunter Kommentator am Spielfeldrand meines Lebens: „Warum läufst du so?“, „Das hättest du besser machen können“, „Also ich hätte das ja ganz anders geregelt.“ Anerkennung für Geleistetes? Gibt es nicht. Nie. Gar nicht. Null.

Wenn ich etwas erzähle, das mir schwergefallen ist, nickt mein Gegenüber verständnisvoll – innerlich höre ich schon: „Und jetzt kommt gleich der Verbesserungsvorschlag.“ Und richtig: Er kommt. Immer. Leistungen werden nicht nur kleingeredet, sie werden ignoriert. Wie Spam-Mails. Ungelesen gelöscht.

Psychische Krankheiten: Schnupfen inklusive?

Psychische Krankheiten werden gern behandelt wie ein leichter Schnupfen oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen.
„Ach komm, reiß dich zusammen.“
„Das haben wir doch alle mal.“
Stimmt. Wir haben auch alle mal Hunger – trotzdem empfehle ich niemandem, drei Wochen nichts zu essen.
Verständnis? Fehlanzeige.
Empathie? Kurz im Urlaub, wahrscheinlich auf einer einsamen Insel mit Cocktail in der Hand.

Und ich stehe da und erkläre immer wieder mein Innenleben, als würde ich versuchen, jemandem ohne WLAN, Strom und Grundinteresse das Internet zu erklären. Mit Handzeichen. In Zeitlupe.

Fremdorganisation 2.0 – inklusive Yachtangebot

Besonders beliebt ist auch die Fremdorganisation meines Lebens – kostenlos, ungefragt und mit der Überzeugungskraft eines Straßenverkäufers, der einem gerade eine unsichtbare Yacht andrehen will:
„Geh doch mal in einen Verein.“
„Du sitzt nur zu Hause rum.“
„Warum machst du das nicht so oder so?“
„Hör doch mal auf zu träumen.“
„Werde endlich erwachsen.“

Anleitung fürs Erwachsenwerden: nicht enthalten

Ah, erwachsen sein! Offenbar bedeutet das: rund um die Uhr produktiv, ständig gut gelaunt, gesellschaftlich verwertbar, niemals zu träumen – am besten noch mit Vereinsausweis, Zertifikat, QR-Code und Fahne auf dem Kopf.

Und wer das nicht schafft? Sonderedition „faul & unbrauchbar“, blinkendes Warnschild inklusive.

Dabei sind Träumer genau die, die Ideen haben, neue Wege gehen, Geschichten, Musik und sogar ein bisschen Magie erschaffen. Ohne Träumer gäbe es all das nicht – also ja, ich träume, Träume sind wie Schokolade fürs Gehirn und das ist verdammt nochmal erwachsen genug.

Der Spion, der Grenzen setzen wollte

Und jedes Mal nehme ich mir fest vor: Heute setzt du Grenzen. Ruhig, klar, souverän – innerlich vorbereitet wie ein Spion kurz bevor er das streng geheime Dokument stiehlt.

Und dann passiert es: der Moment. Die Situation. Der Satz. Mein Gehirn schaltet spontan auf Energiesparmodus. Alles Gelernte? Weg! Grenzen? Unsichtbar. Stattdessen die alten Muster: Rechtfertigen, Schweigen, Schlucken. Multitasking kann ich.

Natürlich fallen mir hinterher die besten Antworten ein. Stunden später. Tage später. Manchmal mitten in der Nacht. Da bin ich schlagfertig, reflektiert und eloquent – leider ohne Publikum. Und bei der nächsten Gelegenheit? Richtig, schon dreht sich das Karussell wieder – gleiche Strecke, gleiche Musik, gleiche Übelkeit. Wie eine sehr alte Schallplatte mit dem Titel: „Aber ich wollte keinen Streit.“

Warum wir an Chaosfreundschaften festhalten

Und dann kommt die große Frage: Warum hält man an Freundschaften fest, die so viel Negatives ins eigene, ohnehin schon schwere Leben bringen?

Wahrscheinlich wegen dieser guten Momente. Denn nein, es ist nicht alles schwarz und weiß – auch wenn es sich manchmal anfühlt, als hätte jemand die Farbe aus meinem Leben gedreht. Es gibt Lachen, kleine Erinnerungen, gegenseitige Hilfe, Humor und Gespräche, die so verrückt sind, dass wir gemeinsam lachen, bis die Luft wegbleibt. 

Genau diese Augenblicke erzeugen die Hoffnung, dass sie nicht nur kurz vorbeischauen, sondern bleiben, dass sie wiederkommen und daran erinnern, dass das Leben trotz allem bunt sein kann.

Vielleicht ist es auch die Angst vor Einsamkeit. Lieber schlechte Gesellschaft als gar keine. Lieber jemand, der mich kleinredet, als niemand, der mir zuhört. Vielleicht, weil ich mir einrede, ich übertreibe. Keine Ahnung. Aber mein Körper scheint anderer Meinung zu sein. Also bleiben wir. Halten aus. Passen uns an. Werden leiser, kleiner, vorsichtiger.

Loyalität, der Wachposten im Kopf

Ich verteidige diese Freundschaften sogar. „So sind sie halt.“ Ja, und so bin ich halt – immer kleiner nach Begegnungen, immer müder nach Gesprächen. Aber immerhin loyal. Zu wem eigentlich? Zu ihnen? Zu mir? Oder zu dieser unsichtbaren Stimme in meinem Kopf, die mir immer wieder einredet, dass Loyalität wichtiger ist als das eigene Wohlbefinden?

Manchmal fühle ich mich wie ein Wachposten, der ein Tor bewacht, das niemand wirklich braucht – außer mir selbst.
Ich weiß, dass ich Grenzen setzen müsste. Aber wenn der Moment kommt, schweigt mein Kopf, fährt auf Standby, und die innere Wut samt Sprachlosigkeit übernimmt das Steuer.

Trotzdem mag ich diese Menschen – oder zumindest den Teil von ihnen, der mir wichtig ist. Den anderen Teil hasse ich abgrundtief, und genau das macht es mir unmöglich, ruhig, reflektiert oder angemessen zu reagieren, ohne dass mein innerer Wutkobold direkt die Bühne betritt.

Freundschaft, Wutkobold & kleine Wunder

Freundschaften, die wie ständige Gewitter über uns ziehen, der innere Wutkobold, der immer wieder auftaucht. Wir akzeptieren, wir tragen mit, wir lernen. Schritt für Schritt merken wir: Grenzen zu setzen ist schwer, Wut zuzulassen befreiend, und vielleicht hilft es, ein bisschen mehr Gelassenheit zu entwickeln.

Am Ende geht es nicht darum, perfekt zu sein oder alles auszuhalten – sondern lebendig, ehrlich und mit einem kleinen Augenzwinkern durch das Chaos zu gehen. 

 

 

  

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