Dienstag, 16. Dezember 2025

Logistik des Ablebens

 

Logistik des Ablebens

Mein Alltag mit der Angst – ein Sterbeprotokoll in Etappen
 
Meine Angst dreht sich unter anderem um Krankheiten, Sterben, Autofahren und Alleinsein.
Also im Grunde um alles, was der Mensch so täglich macht, ohne dabei tot umzufallen.
 
Kurz gesagt: vor Bewegung, Stillstand und Existenz.
Sehr effizient. Kaum Leerlauf.
 
Ein Symptom, irgendwo
 
Ich habe irgendwo ein Symptom gespürt.
Was in meinem Alter mittlerweile täglich vorkommt.
Irgendwo.
 
Mein Gehirn sofort:
„Okay. Das war es jetzt.“
Google sagt dann:
  • Möglichkeit A: Muskelverspannung
  • Möglichkeit B: Spiel mir das Lied vom Tod
 Mein Gehirn so:
„Endlich jemand, der mich versteht.“
 
Das Spiel, bei dem ich immer verliere
 
Ich spiele regelmäßig „Rate die Krankheit“.
Die Regeln sind einfach:
Egal welches Symptom – ich verliere.
Kopfschmerz? Gehirntumor.
Müdigkeit? Organversagen.
Zu fit? Auch verdächtig.
 
Ärzte sagen: „Alles unauffällig.“
Mein Gehirn:
„Ja klar. Bis jetzt.“
 
Morgens: Der tägliche Kontrollverlust
 
Ich wache morgens oft nicht einfach auf –
ich falle vor Angst aus dem Bett.
 
Mein Herz macht Morgengymnastik, bevor ich überhaupt die Augen aufhabe.
Jeder Muskel fragt: „Warum? Was passiert?“
 
Und mein Gehirn sitzt auf der Bettkante wie ein panischer Coach:
„Steh auf, check deinen Körper, überprüfe alle Organe, denke ans Sterben – los, los, los!“
 
Ich liege da, noch halb unter der Decke,
und überlege ernsthaft, ob ich nicht einfach weiterschlafen
und die Apokalypse auf später verschieben kann.
 
Autofahren: Die mobile Endstation
 
Autofahren ist auch toll.
Ich sitze im Auto und denke nicht:
„Ich fahre von A nach B.“
 
Sondern:
„Ich fahre mit 100 km/h in einer mobilen Metallkiste,
während mein Herz beschlossen hat,
heute spontan neu zu interpretieren, was Rhythmus bedeutet.“
 
Dann kommt die Panikattacke.
Perfektes Timing.
Mein Körper schreit: „Wir sterben!“
Ich frage: „Jetzt?“
Er: „Keine Ahnung. Aber schau mal, wie echt es sich anfühlt.“
 
130 km/h und trotzdem innerlich auf der Flucht
 
Andere fahren in den Urlaub.
Ich fahre in ein mobiles Sterbezimmer mit Gurtpflicht.
 
Schon beim Einsteigen denkt mein Gehirn:
„Mutig. Sehr mutig von dir, dich jetzt 300 Kilometer von einem Krankenhaus zu entfernen.“
 
Auf der Autobahn dann Herzklopfen.
Nicht nur wegen der Geschwindigkeit –
mein Partner darf sowieso nicht schneller als 130 km/h fahren –
sondern weil mein Körper beschließt, genau jetzt eine Generalprobe fürs Ableben zu machen.
 
Wir fahren also mit 130 km/h
und ich denke nicht:
„Schöne Landschaft.“
 
Ich denke:
„Wenn ich jetzt bewusstlos werde,
wie lange dauert es, bis jemand merkt, dass ich tot bin?“
Ich plane innerlich alle Raststätten, Krankenhäuser
und Orte, an denen ich würdevoll versterben könnte.
Je weiter weg, desto besser mein Gehirn.
 
Fähre: Autofahren nur mit Wasser
 
Fähre fahren ist wie Autofahren,
nur mit Wasser
und deutlich schlechteren Fluchtmöglichkeiten.
 
Man fährt mit dem Auto auf die Fähre
und merkt sofort: Alles bewegt sich.
Auch das eigene Herz. Ungefragt.
Ich sitze da und frage mich,
ob Panik auf See eigentlich als Seenot gilt.
 
Nach der Ankunft bin ich nicht erholt.
Ich habe einfach nur einen weiteren Transport überlebt,
bei dem mein Gehirn überzeugt war,
dass Wasser plus Auto ein völlig unnötiges Risiko ist.
 
Am Ziel angekommen bin ich erschöpft.
Nicht vom Reisen.
Sondern davon, dass ich innerlich dreimal beerdigt wurde.
Entspannung pur.
 
MRT: Hightech-Folter mit Terminkalender
 
MRT ist kein Diagnoseverfahren.
MRT ist ein mittelalterliches Folterwerkzeug
in Hightech-Optik.
 
Man wird in eine Röhre geschoben,
darf sich nicht bewegen
und das Ding klingt,
als würde Gott sauer auf Metall schlagen.
 
Mein Gehirn denkt nicht:
„Das ist sicher.“
Es denkt:
„So. Das war’s. Wo ist der Notausgang?“
Und während ich da liege,
eingesperrt, allein,
denke ich:
„Wenn ich hier sterbe,
bin ich wenigstens schon im richtigen Gebäude.“
 
Alleinsein: Ein Raum, viele Szenarien
 
Alleinsein ist besonders perfide.
Sobald niemand da ist, flüstert mein Gehirn:
„Falls du jetzt stirbst –
hier ein grober Zeitplan,
wann man dich findet.“
Serviceorientiert bis zum Schluss.
 
Ich sitze allein auf dem Sofa
und denke nicht:
„Ich entspanne.“
 
Ich denke:
„Wenn ich hier einfach aufhöre zu existieren,
ist das jetzt statistisch ungünstig.“
Dann kommen die Panikattacken.
Keine Attacken – Überfälle.
 
Mein Körper schreit: „Wir sterben!“
Herzrasen, Schwindel, Druck, Kribbeln –
alles Symptome,
die laut Internet entweder harmlos sind
oder historisch relevant.
 
Die eigentliche Zumutung
 
Das Schlimmste ist nicht die Angst vor dem Tod.
Das Schlimmste ist die Angst vor der Angst.
Dass ich täglich tausendmal sterbe –
im Kopf, im Körper, im Gefühl –
und abends trotzdem noch Zähne putze.
 
Mein Leben-
Es ist eine Endlosschleife aus
„gleich ist es vorbei“
und
„ach nee, doch nicht“.
 
Zuverlässig lebendig
 
Ich überlebe jeden Tag.
Sehr unauffällig.
Sehr genervt.
Oft sehr müde.

Oft voller Panik
und atemlos durch die Nacht.

Trotz aller Prognosen.
Trotz innerer Generalproben.
Trotz mehrfach angekündigtem Ende...

Ich breche Rekorde,
die niemand feiern will.

Und dennoch:
Ich bin noch da.
Offiziell lebendig.
Funktionstüchtig.

Wie Kaugummi unter dem Schuh des Lebens.
Leicht zerdrückt, klebrig,
und absolut nicht loszuwerden.

Bonuslevel: Borderline & Angsterkrankung.
Die Angst kriegt einen Megaphonaufsatz,
dreht die Lautstärke auf Maximum und veranstaltet ein Feuerwerk im Kopf.
Popcorn inklusive – leider ohne Pause.
 
 
 

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