Diagnose Borderline, ein Blick nach all den Jahren – mit 30 Jahren Verspätung
Rückblickend hätte ich vielleicht früher merken können, dass bei mir nicht die Standardsoftware installiert wurde.
Schon als Kind war ich sehr intensiv. Gefühle hatte ich nicht einfach, ich abonnierte direkt die Premium-Version. Wenn ich traurig war, dann Oscar reif. Wenn ich wütend war, dann mit voller Lautstärke. Und wenn ich jemanden mochte, dann mit einer Loyalität, die über das Ziel hinausschoss und eher an ein sehr engagiertes Klammeräffchen erinnerte.
Das führte zu einigen interessanten Situationen.
Zum Beispiel habe ich mich als Kind öfter geprügelt. Zugegeben, das klingt erstmal nicht besonders charmant. Aber meistens war es Selbstverteidigung, weil Mobbing offenbar dachte, ich wäre ein geeignetes Ziel. Oder ich sprang für andere in die Bresche, die mir wichtig waren. Mein innerer Gerechtigkeitssinn hatte ungefähr die Zurückhaltung eines Presslufthammers.
Während andere Kinder Konflikte mit Worten lösten, dachte ich manchmal offenbar: „Wie wäre es stattdessen mit einer sehr emotionalen, körperlichen Live-Demonstration meiner Meinung?“
Heute würde ich das natürlich anders lösen. Meistens.
Jedenfalls verbrachte ich einen großen Teil meines Lebens damit, mich zu fragen, warum ich anders funktioniere als viele andere Menschen. Warum Gefühle mich manchmal überrollen wie ein Güterzug ohne Bremsen. Warum zwischen „alles gut“ und „Weltuntergang“ gefühlt nur drei Sekunden liegen. Und warum mein Leben phasenweise eher wie ein schlecht kuratiertes Experiment aus impulsiven Entscheidungen, Stimmungsschwankungen und fragwürdigen Selbstmedikationsideen wirkte, mit der Stabilität eines Tischs mit drei Beinen.
Die Erklärungen von außen waren kreativ:
✵ „Du bist zu sensibel.“
✵ „Du reagierst über.“
✵ „Du denkst zu viel.“
✵ „Du fühlst zu viel.“
An irgendeinem Punkt fragte ich mich, ob ich vielleicht einfach versehentlich in der Kategorie „zu viel Mensch“ gelandet war.
Und dann bekam ich die Diagnose Borderline.
Ich weiß, viele Menschen erschrecken bei einer Diagnose. Ich hingegen hatte eher den Impuls zu sagen:
„Ach. DAS ist also los. Endlich ergibt dieser wilde Haufen aus Emotionen, Impulsen, Beziehungskarussell und Lebenschaos einen Sinn.“
Es fühlte sich an, als hätte mir jemand nach Jahrzehnten endlich die Bedienungsanleitung gegeben, die beim Zusammenbau meiner Persönlichkeit offensichtlich in irgendeiner Schublade verloren gegangen war.
Plötzlich war ich nicht mehr einfach die Person, die „komisch“, „anstrengend“ oder „überempfindlich“ ist.
Ich verstand, warum ich die Welt so intensiv wahrnehme.
Warum Ablehnung manchmal wie ein Meteoriteneinschlag wirkt.
Warum Beziehungen sich nie nur wie Beziehungen anfühlten, sondern eher wie ganze Universen mit eigenen Naturgesetzen.
Und warum mein emotionales Thermostat offenbar von einem hyperaktiven Eichhörnchen mit Koffeinüberschuss eingestellt wurde.
Natürlich hat die Diagnose mich nicht „geheilt“.
Ich bin nicht aufgewacht und dachte: „Perfekt, jetzt bin ich ein ausgeglichener Mensch.“
Leider nein.
Aber sie hat mir etwas viel Wichtigeres gegeben:
✵ Eine Erklärung.
✵ Einen Wegweiser.
Und manchmal ist genau das der Moment, in dem es leichter wird, Frieden mit den eigenen Teilen zu schließen, die man jahrelang nicht verstanden hat.
Heute weiß ich: Ich war nie „zu viel“.
Ich war einfach jemand, der die Welt schon immer mit voller Lautstärke erlebt hat.
Und ehrlich gesagt? Nach all den Jahren war es eine riesige Erleichterung, das endlich zu verstehen.

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