Mein Nervensystem dachte jahrelang, wir leben in einem Katastrophenfilm
Ich glaube, manche Menschen wachsen mit einem Nervensystem auf, das ihnen sagt: „Die Welt ist meistens sicher.“
Und dann gibt es Menschen wie mich.
Mein Nervensystem kam offenbar direkt im Daueralarmmodus zur Welt und hat bis heute nicht verstanden, dass wir inzwischen einfach nur im Supermarkt stehen und keine Evakuierung planen müssen.
Schon als Kind habe ich gelernt, dass Ruhe nicht automatisch Frieden bedeutet. Man scannt Gesichter. Stimmen. Schritte im Flur. Man merkt sofort, wenn sich die Stimmung verändert, noch bevor überhaupt jemand etwas sagt. Andere Kinder haben vielleicht Verstecken gespielt, ich war emotional dauerhaft versteckt.
Ich wusste früh, wie sich Angst anfühlt. Nicht nur diese normale Angst vor Spinnen oder Klassenarbeiten. Sondern dieses tiefe Gefühl von Anspannung, bei dem der Körper nie wirklich locker lässt. Als würde innerlich ständig jemand flüstern:
„Pass auf. Gleich passiert was.“
Und das Schlimmste daran war: In meiner Kindheit und Jugend passierte oft tatsächlich etwas. Wut, Streit, psychische oder körperliche Gewalt. Dinge, die ich nie wirklich vorhersehen konnte. Genau das hat meinem Nervensystem beigebracht, ständig wachsam zu sein. Immer vorbereitet. Immer auf der Suche nach den kleinsten Anzeichen dafür, dass gleich wieder etwas eskaliert.
Und das Verrückte ist, irgendwann wird das normal.
Du merkst gar nicht mehr, dass du permanent angespannt bist, weil dein Körper denkt, das sei einfach dein Charakter.
Ich dachte jahrelang, ich wäre einfach „empfindlich“, „kompliziert“ oder hätte einen anstrengenden Kopf. Dabei war mein Nervensystem einfach dauerhaft im Überlebensmodus. Mein inneres Alarmsystem war im Grunde wie ein Rauchmelder, der schon losgeht, wenn jemand nur Toast macht.
Ich habe gelernt, zu funktionieren. Mich anzupassen. Bloß nicht zu viel Raum einzunehmen. Immer vorbereitet auf schlechte Stimmung, Konflikte oder den Moment, in dem etwas kippt.
Das Problem ist nur: Der Körper vergisst sowas nicht einfach wieder!
Heute äußert sich das oft anders. Nicht mehr unbedingt nur als sichtbare Angst, sondern als permanente innere Unruhe. Diese ständige Anspannung, die nie ganz verschwindet. Schultern dauerhaft unter Spannung, der Kiefer so fest zusammengepresst, als würde ich heimlich Beton kauen, Zähne ständig auf Anschlag, Gedanken pausenlos auf Beobachtungsposten und das Herz jederzeit bereit, Alarm zu schlagen, selbst dann, wenn objektiv längst keine Gefahr mehr da ist.
Und diese Erschöpfung.
Diese tiefe Müdigkeit, die man kaum erklären kann. Nicht „Ich brauche mal Urlaub“ müde. Sondern „Mein Nervensystem hat seit Jahren keinen Feierabend gemacht“ müde.
Man wacht morgens auf und ist innerlich schon so angespannt, als hätte man im Schlaf gegen einen Bären gekämpft. Mein Körper startet manchmal direkt mit dem Gefühl: „Guten Morgen. Hier ist Ihre kostenlose Panik für heute.“
Das Absurde ist ja, nach außen wirkt man oft total normal. Vielleicht sogar besonders stark oder lustig. Viele Menschen, die früh im Überlebensmodus waren, entwickeln schwarzen Humor wie andere Leute Hobbys. Irgendwann sitzt du da, machst Witze über deine eigenen Traumata und andere wissen nicht, ob sie lachen oder dich vorsichtig in eine Decke wickeln sollen.
Ich lache über Dinge, bei denen andere kurz betroffen schweigen. Nicht weil es mir egal ist, sondern weil mein Gehirn irgendwann beschlossen hat: „Entweder wir machen Witze drüber oder wir sitzen heulend in der Dusche.“
Und vielleicht ist genau daraus irgendwann auch mein Humor entstanden. Dieser trockene Sarkasmus, diese schwarzen Witze an den unpassendsten Stellen. Nicht weil alles lustig war, sondern weil mein Nervensystem offenbar beschlossen hat, dass ein lockerer Spruch deutlich günstiger ist als der nächste Nervenzusammenbruch.
Und ehrlich gesagt: Humor funktioniert erstaunlich gut.
Ein bisschen psychische Instabilität, aber mit Timing.
Was viele nicht sehen: Wie anstrengend dieses Dauerfunktionieren ist. Dieses permanente Scannen. Dieses innere Wachsein. Selbst in schönen Momenten kann der Körper nicht richtig loslassen, weil irgendwo tief drin noch gespeichert ist:
„Sicherheit hält nie lange.“
Ruhe fühlt sich manchmal immer noch verdächtig an.
Wenn mehrere Tage nichts Schlimmes passiert, wird mein Nervensystem misstrauisch und wartet innerlich schon darauf, dass gleich wieder irgendetwas eskaliert. So nach dem Motto: „Das läuft hier alles gerade viel zu gut. Wo ist die emotionale Vollkatastrophe?“
Und gleichzeitig gibt es heute Momente, in denen ich merke, dass Heilung vielleicht gar nichts Großes oder Perfektes sein muss. Vielleicht bedeutet Heilung manchmal einfach, langsam zu lernen, dass nicht jeder laute Ton Gefahr bedeutet. Dass man nicht ständig bereit sein muss zu kämpfen, zu fliehen oder emotional komplett abzuschalten.
Vielleicht bedeutet Heilung auch, dem eigenen Körper Stück für Stück beizubringen, dass die Gefahr vorbei ist, selbst wenn das Nervensystem noch regelmäßig reagiert, als würde gleich ein Löwe durchs Wohnzimmer laufen.
Und manchmal sitze ich einfach ruhig da, alles ist friedlich, niemand schreit, niemand droht, niemand eskaliert, und mein Körper weiß überhaupt nicht, was er damit anfangen soll.
Nach all den Jahren im Ausnahmezustand ist Frieden fast das Verdächtigste überhaupt.

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