Dienstag, 2. Dezember 2025

Wenn Versuchung Alltag heißt

 

Weil ich lebe in einer Welt, in der Alkohol überall ist. Auf Plakaten, in Werbespots, in Witzen, Songs, Serien – und vor allem an Orten, an die ich muss: im Supermarkt.

Jeden Tag ein neuer Kampf
Leben mit Alkoholabhängigkeit in einer Welt voller Versuchungen
 
Wenn schon der Morgen schwer ist
 
Es gibt Tage, an denen ich schon beim Aufwachen weiß, dass es schwer wird. Nicht, weil etwas Besonderes passiert ist, sondern einfach nur, weil ich atme. Weil ich lebe in einer Welt, in der Alkohol überall ist. Auf Plakaten, in Werbespots, in Witzen, Songs, Serien – und vor allem an Orten, an die ich muss: im Supermarkt.
Ich gehe nicht mehr einfach einkaufen. Ich gehe in einen inneren Krieg.
 
Die Kasse – ein unsichtbares Schlachtfeld
 
An der Kasse passiert es häufig. Während ich warte, schaue ich geradeaus und sehe sie: kleine Flaschen, perfekt platziert für einen spontanen Griff. Sie sind genau da, wo meine Hand ist, wenn sie etwas sucht, woran sie sich festhalten kann. Direkt neben Kaugummis und Batterien – als wären sie genauso harmlos. „Mini“, „To go“, „für zwischendurch“. Als wäre meine Sucht etwas, das man in einer handlichen Portionsgröße verkaufen kann.
 
Mein Herz schlägt schneller. Mein Mund wird trocken. Mein Kopf beginnt zu verhandeln:
Nur eine. Heute war schwer. Niemand wird es erfahren. Du hast es verdient. Du kannst danach sofort wieder aufhören. Es ist doch schon so lange her. 
 
Es ist beängstigend, wie logisch diese Lügen klingen. Wie vertraut. Wie warm. Sie sind wie eine alte, toxische Freundschaft, die genau weiß, wie sie mich zurücklockt.
 
Zwischen „Normal sein“ und innerem Zerfall
 
Ich sehe, wie Menschen vor mir ganz selbstverständlich zugreifen. Ein Bier, eine Flasche Wein für den Feierabend, ein Schnaps zum „Runterkommen“. Sie tun es lachend. Locker. Es ist normal.
Und genau das macht es so schwer.
 
Denn im Grunde möchte ich auch nur normal sein. Ich will dazugehören, ich will entspannt sein, ich will nicht immer die oder der „Komplizierte sein, der nichts trinkt, der mit den psychischen Problemen.
 
Aber ich bin es nicht. Und ich werde es auch nie sein!
Ein Glas ist für mich kein Glas. Ein Glas ist ein Versprechen an das, was mich schon fast zerstört hätte.
 
Was andere als Genuss sehen, ist für mich Kontrollverlust. Was andere als Entspannung empfinden, ist für mich der Beginn eines dunklen Tunnels, an dessen Ende ich oft nicht mehr weiß, wie ich dort überhaupt gelandet bin. Ich verliere meine Klarheit, meine Würde, meine Beziehung zu mir selbst.
 
Verharmlosung, die tiefer schneidet als gedacht
 
Und dann sind da die Menschen. Die, die es nicht böse meinen. Die sagen:
 
  • „Ach komm, nur einen.“
  • „So schlimm war es doch nie.“
  • „Das hast du doch jetzt im Griff.“
  • „Man lebt doch nur einmal.“ 
 
Vielleicht hören sie nur Worte. Ich höre darin etwas anderes:
Du übertreibst. Deine Krankheit ist nicht echt. Deine Grenzen sind lächerlich.
Diese Sätze sind unsichtbare Risse in meinem Schutzschild. Sie lassen mich stolpern - nicht immer sofort, aber irgendwann.
 
Sucht ist keine Charakterschwäche
 
Alkoholabhängigkeit ist keine Frage von Moral oder Disziplin. Sie ist eine Krankheit. Mein Gehirn hat gelernt, Alkohol mit Belohnung, Trost, Sicherheit und Überleben im toxischen Elternhaus zu verbinden. Diese Verbindung verschwindet nicht einfach, nur weil ich es mir wünsche. Sie bleibt. Und sie meldet sich. Immer wieder.
 
An guten Tagen kann ich darüber hinwegsehen.
An schlechten Tagen fühlt es sich an, als müsste ich gegen mich selbst kämpfen. Gegen Erinnerungen. Gegen Muster. Gegen eine Version von mir, die verspricht, alles einfacher zu machen – und dabei alles zerstören würde.
 
Die stillen Siege, die niemand sieht
 
Trotzdem gehe ich weiter. Schritt für Schritt.
Ich lerne, mich abzulenken, anders mit Stress umzugehen. Ich stehe an der Kasse, spüre das Zittern in meinen Händen – und ich gehe trotzdem ohne diese Flasche nach Hause.
 
Das sind Siege, die keiner sieht.
Keine Medaille, kein Applaus.
Nur ich… und vielleicht ein leiser Stolz.
 
Eine Welt, die es sich zu leicht macht
 
Manchmal wünsche ich mir, die Welt wäre leiser. Weniger Werbung. Weniger Verherrlichung. Weniger „Alkohol gehört dazu“.
 
Ich wünsche mir, dass Menschen verstehen würden, wie einsam es sich anfühlt, ständig gegen etwas kämpfen zu müssen, das für andere ein Party-Gag ist.
 
Was ich mir wünsche:
Wenn du jemandem mit einer Alkoholabhängigkeit nahestehst, dann kannst du mehr ausrichten, als du vielleicht glaubst.
 
Bitte tu das nicht:
 
  • Sag mir nicht, ich soll „es doch wenigstens mal probieren“
  • Hinterfrage mein Nein nicht
  • Mach keine Witze über meine Vergangenheit
  • Versuch nicht, mich zu testen
  • Sag nicht, dass ich „langsam wieder anfangen kann“ 
 
Stattdessen wünsche ich mir:
 
  • Dass du mich ernst nimmst
  • Dass du auch kleine Schritte siehst
  • Dass du verstehst: Rückfälle sind Teil der Krankheit, nicht das Ende
  • Dass du mir zeigst, wie schön Leben ohne Alkohol sein kann
  • Dass du mich nicht auf meine Sucht reduzierst 
 
Frag mich, was mir hilft.
Hör mir zu.
Bleib da.
 
Denn manchmal ist genau das der Unterschied zwischen Fallen und Weitermachen.
 
Und auch wenn ich es nicht jeden Tag sagen kann:
Jeder Mensch, der mich in meiner Nüchternheit unterstützt, ist ein Teil meines Überlebens.
 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen