Sonntag, 7. Juni 2026

Erste Hilfe für die Seele

 

Wenn die üblichen Übungen versagen 9 Rettungsanker, die mich aus dem emotionalen Tunnel holen

Wenn die üblichen Übungen versagen
9 Rettungsanker, die mich aus dem emotionalen Tunnel holen
 
Kennst du diese Tage, an denen dein Kopf beschließt, eine Sondervorstellung zu veranstalten?
 
Gedanken fahren Achterbahn, Gefühle spielen verrückt und jede Kleinigkeit wirkt plötzlich so dramatisch, als würde gleich der Abspann eines Katastrophenfilms laufen.
 
Genau dann kommen oft die gut gemeinten Ratschläge:
 
✵ „Mach doch eine Atemübung.“
✵ „Denk an etwas Schönes.“
 „Entspann dich einfach.“
 
Klar. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich vermutlich auch noch einem Goldfisch das Fahrradfahren beibringen.
 
Wenn ich mitten im emotionalen Tunnel stecke, brauche ich Dinge, die mein Gehirn beschäftigen, ablenken oder kurzzeitig austricksen. Nicht perfekt. Nicht wissenschaftlich geschniegelt. Sondern Dinge, die im echten Leben funktionieren.
Hier sind einige meiner persönlichen Rettungsanker.
 
  1. Hörbücher – weil mein Gehirn nur eine Geschichte gleichzeitig verfolgen kann!
 
Das ist mein absoluter Favorit.
 
Wenn mein Gedankenkarussell auf Höchstgeschwindigkeit läuft, schalte ich ein Hörbuch ein. Nicht unbedingt etwas Tiefgründiges. Hauptsache spannend genug, dass ich wissen will, wie es weitergeht.
 
Denn während ich herausfinden möchte, wer der Mörder war, warum der Kommissar schon wieder schlechte Laune hat, ob die Hauptfigur endlich ihre Brötchen aus dem Ofen holt oder warum in Horror-Geschichten grundsätzlich niemand auf die vernünftige Idee kommt, einfach wegzulaufen oder nicht ausgerechnet getrennt durch ein verlassenes Spukhaus zu wandern, hat mein Gehirn deutlich weniger Kapazitäten frei, um mir zum 47. Mal dieselbe Sorge vorzuspielen. 
 
Die Menschen in meinen Horror-Hörbüchern haben gerade eindeutig größere Probleme als ich.
 
Manchmal merke ich nach zehn Minuten:
„Moment mal ... ich habe gerade fünf Minuten lang nicht gegrübelt!“
Das ist dann ungefähr so überraschend wie Sonnenschein im norddeutschen November.
 
  2. Die Flucht vor der eigenen Tapete
 
Wenn alles zu viel wird, hilft manchmal nur eins:
 
Raus.
Nicht joggen.
Nicht wandern.
Nicht den Mount Everest besteigen.
Einfach raus.
Zur Haustür.
Zum Briefkasten.
Einmal um den Block.
 
Frische Luft ist zwar keine Wunderwaffe, aber sie hat den Vorteil, dass sie sich nicht für deine Probleme interessiert.
 
Außerdem kann man draußen hervorragend feststellen, dass andere Menschen ebenfalls seltsame Dinge tun.
Danach fühle ich mich oft etwas weniger allein mit meinem Chaos.
 
  3. Die große Tassen-Mission
 
Klingt lächerlich. Ist aber erstaunlich wirksam.
Wenn mein Kopf völlig überfordert ist, suche ich mir eine winzige Aufgabe.
 
Nicht die Wohnung putzen.
Nicht den Keller entrümpeln.
Nicht die Steuererklärung.
Nur eine Sache.
 
Zum Beispiel:
 
 die Kaffeetassen wegräumen
 eine Schublade sortieren
 den Tisch abwischen
 die Pflanzen gießen
 
Wenn alles innerlich chaotisch ist, tut es gut, wenigstens irgendwo sichtbar Ordnung zu schaffen.
Und wenn am Ende nur die Tassen an ihrem Platz stehen, ist das immer noch ein Erfolg.
 
  4. Eiskaltes Wasser – der unfreundliche, aber wirksame Freund
 
Ich gebe zu:
 
das gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.
Aber manchmal hilft ein kalter Waschlappen im Nacken oder eiskaltes Wasser im Gesicht tatsächlich dabei, das Nervensystem kurz umzuschalten.
 
Mein Körper denkt dann offenbar:
 
„Oh, wir haben gerade wichtigere Probleme als Grübeln.“
Nicht angenehm.
Aber wirksam.
So ähnlich wie Gemüse essen.
 
  5. Das Gedanken-Parkhaus
 
Wenn mein Kopf völlig überfüllt ist, schreibe ich alles auf.
 
Wirklich alles.
Unsortiert.
Chaotisch.
 
Manchmal sieht das Blatt danach aus, als hätte ein Huhn versucht, Tagebuch zu führen.
 
Aber das spielt keine Rolle.
Die Gedanken sind draußen!
 
Und was draußen auf Papier steht, kann nicht gleichzeitig mit voller Lautstärke im Kopf herumbrüllen.
 
  6. Alte Lieblingsserien als seelische Jogginghose
 
Manchmal brauche ich nichts Neues.
Manchmal brauche ich etwas Vertrautes.
 
Eine Serie, die ich schon zehnmal gesehen habe.
Einen Film, bei dem ich jede Szene kenne.
 
Warum?
 
Weil mein Gehirn in Krisen keine Überraschungen mag.
Vertraute Geschichten fühlen sich an wie eine warme Decke für die Seele.
Oder wie die berühmte Jogginghose nach einem anstrengenden Tag.
 
Nicht spektakulär.
Aber zuverlässig.
 
Und das gilt bei mir nicht nur für Serien und Filme.
 
  7. Alte Lieblingsbücher – bekannte Wege durch stürmische Zeiten
 
Auch Bücher dürfen ruhig zum zweiten, dritten oder zehnten Mal gelesen werden.
Manchmal brauche ich keine neue Geschichte.
Manchmal brauche ich eine, die mich schon einmal aufgefangen hat.
 
Ein Buch, das ich bereits kenne.
Eine Geschichte, deren Ende mich nicht überrascht.
Manche Bücher sind wie alte Freunde. Sie müssen nichts Neues erzählen, um gutzutun.
 
Wenn es mir schlecht geht, greife ich oft auf Bücher zurück, die ich schon gelesen habe. Ich kenne die Figuren, ich kenne die Handlung und ich weiß, dass hinter der nächsten Seite keine unangenehme Überraschung auf mich wartet.
Genau das macht sie so beruhigend.
 
Während mein eigenes Leben manchmal wirkt, als hätte jemand die Handlung spontan umgeschrieben, bleibt das Buch verlässlich. Die Geschichte verläuft genauso wie beim letzten Mal.
Manche Menschen haben eine Sicherheitsdecke. Ich habe Bücher mit abgegriffenen Ecken.
 
Und wenn ich ehrlich bin: Es gibt Tage, an denen mir die Gesellschaft vertrauter Romanfiguren deutlich sympathischer ist als die meines eigenen Gedankenkarussells oder anderer Mitmenschen.
 
  8. Kleine Spiele, große Wirkung – wenn bunte Steinchen die besseren Therapeuten sind
 
Manchmal braucht mein Gehirn keine tiefgründigen Erkenntnisse.
Manchmal braucht es einfach etwas zu tun.
 
Genau dann helfen mir einfache Spiele wie Mahjong, Candy Crush oder andere Denk- und Zuordnungsspiele.
Von außen betrachtet sieht das vielleicht nicht besonders beeindruckend aus. 
 
Da sitzt ein erwachsener Mensch und verschiebt bunte Bonbons, sortiert Kacheln oder sammelt Punkte. Aber ganz ehrlich? In einer emotionalen Krise ist mir völlig egal, wie das aussieht.
 
Der entscheidende Punkt ist: Mein Gehirn muss sich konzentrieren.
 
Wo passt dieser Stein hin?
Welcher Zug bringt die meisten Punkte?
Welche Kacheln gehören zusammen?
 
Während ich mich damit beschäftige, hat mein Gedankenkarussell plötzlich Konkurrenz. Es kann nicht mehr ungestört seine Dauerschleife fahren.
Es gibt Tage, da ist genau das der Unterschied zwischen zwei Stunden Grübeln und zwanzig Minuten Ruhe im Kopf.
 
Besonders schön finde ich, dass diese Spiele keine großen Anforderungen stellen. Niemand erwartet Höchstleistungen. Niemand bewertet mich. Niemand fragt nach meiner Stimmung.
 
Die bunten Steinchen haben erstaunlich wenig Interesse an meinen Problemen.
Und genau das macht sie manchmal zu ziemlich angenehmer Gesellschaft.
Und wenn ich dabei nebenbei noch einen virtuellen Rekord knacke, fühlt sich das deutlich besser an, als zum hundertsten Mal dieselbe Sorge durchzukauen.
 
  9. Die Erlaubnis, einen schlechten Tag zu haben
 
Das ist vermutlich der schwierigste Punkt.
Denn oft kämpfe ich nicht nur gegen meine Gefühle.
Ich kämpfe zusätzlich dagegen, dass ich diese Gefühle überhaupt habe.
 
Irgendwann habe ich gelernt:
 
Manche Tage sind einfach Mist.
Nicht jeder Tag muss produktiv sein.
Nicht jeder Tag muss ein persönlicher Wachstumsmarathon werden.
Manchmal besteht die Tagesaufgabe einfach darin, den Tag zu überstehen.
 
Und weißt du was?
 
Das reicht.
Wirklich.
 
 Ein ehrliches Wort zum Schluss
 
Diese Dinge lösen keine Probleme.
Sie ersetzen keine Therapie.
Sie zaubern keine Gefühle weg.
 
Aber sie helfen mir dabei, die Zeit zwischen „Alles ist zu viel“ und „Es geht wieder einigermaßen“ zu überbrücken.
 
Sie sind lediglich mein „Erste-Hilfe-Koffer“, wenn die Welt um mich herum zu laut wird, mein Kopf beschließt, sämtliche Sorgen gleichzeitig abzuspielen, oder meine traumatische Vergangenheit meint, sie müsse sich mal wieder ungefragt in die aktuelle Sendung einmischen.
 
 
 

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